Langweilig war der DJV-Fachkongress "Besser Online" nicht unbedingt. Die Referenten waren tolle Entertainer. Allein es fehlten aktuelle Thematiken. Und das ist schlimm genug.
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Wikileaks und Daniel Domscheit-Berg? Eigentlich wurde dazu schon alles gesagt. Mehrfach. Mit allen Meinungen, die man dazu vertreten kann. Social Media? Sowas von 2008! Geld verdienen im Netz? Soll möglich sein. Es gibt da nämlich die üblichen Verdächtigen. Das war "Besser Online". Im Jahr 2011.
Christian Jakubetz hat an zwei Podien teilgenommen. Und er sagt über den Kongress: "Ich glaube, ich habe keinen einzigen Satz gesagt, den ich nicht auch in irgendeiner Weise letztes Jahr gesagt habe und im Jahr davor." Da hat er Recht. Neues konnte man bei der thematischen Auswahl der Organisatoren auch gar nicht bringen. Da ist es wie mit Domscheit-Berg: Alles wurde dutzendfach rauf und runterdekliniert. Das schaffte eine gewisse Wärme, gerade unter den Referenten; man war sich halt einig. Leider brachte das keinen Mehrgewinn.
Transparenz im Journalismus
Glanzpunkte gab es zwar. Man musste sie sich nur suchen. Zum Beispiel dieser: Wie ist das denn eigentlich als Journalist, wenn man sich als private Person in Blogs oder auf Twitter Öffentlichkeit schafft? Richard Gutjahr wollte wissen, ob er nicht darüber schreiben dürfte, dass er ein Apple-Fanboy sei. Wirkt er dadurch unprofessioneller? Unglaubhafter? Angreifbarer?
Diese Social-Media-Schizophrenie war vor ein paar Monaten ein wichtiges Thema im Medien-Netz. Und eine der Konsequenzen bestand eben darin, dass sich einige ein zweites Profil zugelegt haben, auch Gutjahr. "Mich gibt's jetzt zweimal!" Die rein beruflichen Profile indes haben nur einen mauen Erfolg.
"Der Mensch ist unteilbar" hat Marcus Schwarze dazu auf dem Podium gesagt. Berufliches, Persönliches? Das verschmelze durch Social Media zu etwas Neuem. Und da braucht's eine andere Sicherheit.
Wie soll man denn darauf reagieren, wenn der Arbeitgeber sagt: "Hier, mit diesem privaten Tweet... mhm... das ist irgendwie... kannst du den löschen?" Da hilft's leider nur wenig, wenn man – ganz nach Credo von Zeit-Online oder Rhein-Zeitung – kein Idiot gewesen ist, noch einmal über den Tweet gelesen hat und für sich entschieden hat: Jep, das kann ich so bringen. Muss man die Social-Media-Richtlinien der Arbeitgeber etwa auch mit nach Hause nehmen? Das hat sich bei Niels Rasmussen vom NDR fast so angehört. Über die Frage, ob man als Mitarbeiter bei den ÖRis beispielsweise Endorsements aussprechen dürfe, hat jüngst Holger Klein philosophiert. Mit dem Ergebnis: Nope. Die Verantwortung sei zu groß.
Ob das tatsächlich so ist, oder ob vielmehr die Leser darüber bescheid wissen, dass private Meinungen zwar auf berufliche Einfluss haben können, sie aber nicht bestimmen, darüber muss einmal gesprochen werden. Unterfüttert durch Studien. Raum gab es bei "Besser Online" dafür zu wenig.
Online-Journalismus ist mehr als Tablet-Liebe und Social Media
Es gibt sie ja, diese spannenden Formate, die erst durch das Netz richtig ausgespielt werden können. Multimediales-Storytelling, Multimedia-Reportagen, Leseraktionen und natürlich – allerdings nicht mehr ganz so hip – Podcasts und Videos. Bei "Besser Online" nicht.
Stattdessen wurde die Liebe zu Tablets und Apps zelebriert. Dabei ist das thematisch genauso wie mit Social-Media: Die schwärmende Anfangszeit ist vorbei. Es müssten unlängst tragfähige Konzepte stehen; das iPad gibt es jetzt – großzügig gerechnet – seit beinahe zwei Jahren. Zudem gibt es Konkurrenz-Produkte auf dem Tablet-Markt, die Apple das Wasser reichen. Leider ist ein Problem des Online-Journalismus, immer wieder zu probieren. Das Internet als Spielwiese zu nutzen. Das war es vielleicht vor zehn Jahren noch okay. Inzwischen sollte das Netz dieses Attribut aber verloren haben.
Jetzt, wo Amazon auf den Cloud-Reader setzt und Apple nicht mehr durch Apps an ihren Büchern mitverdienen lässt, jetzt scheint sie anzulaufen, die große App-Offensive der Verlage – und die Sessions bei Kongressen. Und dabei gibt es ja noch nicht einmal "die App". Man entwickelt für Windows, iOS und Android. Ich kann mich täuschen, aber die Alternative namens Webapps ist auf "Besser Online" nicht gefallen: Eine geräteunabhängige Möglichkeit Content schick auf mobilen Endgeräten anzeigen zu lassen. Schade.
Datenjournalismus
Dafür gab es eine recht gelungene Session über Datenjournalismus. Das gebashe zwischen Christina Elmer und Lorenz Matzat, was denn jetzt genau Datenjournalismus sei, war erfrischend. Ist Datenjournalismus nun die grafische Darstellung von Datensätzen (Matzat) oder das Durchwühlen derselbigen um Geschichten daraus zu ziehen (Elmer)? Wo sich beide einig waren: Es ist anstrengend. Zeitaufwendig. Und kostenintensiv. Und somit für viele freie Journalisten: gestorben. Wen das Thema interessiert, dem empfehle ich das Medienradio von Philip Banse. Mit Lorenz Matzat. Ist schon was älter, aber noch aktuell.
Klar verstehe ich die Organisatoren auch: Man wollte eine möglichst große Zielgruppe zufrieden stellen; viele Anfänger-Sessions bieten: Und das ist nötig. Aber bitte, bitte, für das nächste Mal: Eins, zwei Sessions, die über das Altbekannte hinausgehen.
Wer sich inhaltlich noch ein genaueres Bild machen will, dem empfehle ich ganz uneigennützig die entsprechende Wikigeeks-Folge mit der bezaubernden Claudia. Direkt aus dem ICE.
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