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Starfleet Academy und der Abschied vom Treksatlantic Accent

Starfleet Academy und der Abschied vom Treksatlantic Accent

Früher musste ich mich erst einmal einwählen, um ins Internet zu kommen. Dabei war für mich der klassische Modemsound fast schon ein akustisches Versprechen, dass gleich irgendwo eine Nachricht auf mich wartete. Das waren oft keine verpassten ICQ-Nachrichten oder Mails im klassischen Sinne, sondern Spielzüge, die wir per Mail verschickten. Ich habe mich in meiner Schulzeit erstaunlich häufig eingewählt, weil ich wissen wollte, wie es in unseren Play by Mail Rollenspielen weiterging.

Bevor MMORPGs allgegenwärtig wurden und ganze Welten dauerhaft online existierten, erzählten wir unsere Geschichten per Mail. Ein paar Leute, jeweils mit einem Charakter, ein Spielleiter mit grober Richtungsvorgabe, und ganz viel Improvisation. Regeln gab es fast keine. Das gemeinsame Erzählen war wichtiger. Ich schrieb eine Szene, schickte sie weiter und wartete auf Reaktionen. So entstand Zug um Zug ein Abenteuer. Manchmal über Monate hinweg, manchmal nur bis unsere Geduld nachließ und wir etwas Neues anfingen.

Diese Abenteuer spielten natürlich im Star Trek Universum. Mal an der Academy, mal auf klassischen Sternenflottenschiffen, mal auf Raumstationen oder Gefangenentransportern. Es gab ernste Geschichten und parodistische. Alles existierte nur im Text, aber in unseren Köpfen war es lebendig. Rückblickend war das wahrscheinlich meine erste echte Erfahrung mit kollaborativem Schreiben.

Dabei kamen wir gar nicht darum herum, uns mit der Sprache von Star Trek zu beschäftigen. Diese merkwürdig formelle, leicht entrückte Ausdrucksweise, die viele mit der Berman-Ära verbinden. Manche nennen sie Shakespearean. Ich habe das nie ganz so gesehen. Für mich klang das eher wie eine Variante des Transatlantic Accents, nur noch stärker von Zeit und Ort gelöst. Eine Sprache, die nirgendwo wirklich verankert ist. Dem Treksatlantic Accent.

Das hat etwas Zeitloses. Dialoge altern weniger schnell, weil sie nicht an Trends hängen. Gleichzeitig entsteht aber eine Distanz. Für Außenstehende wirkt das schnell steif oder künstlich. Und ich glaube, diese Sprachform hat die typische Kammerspiel Atmosphäre vieler Trek-Serien noch verstärkt. Menschen in Räumen, die sehr kontrolliert, sehr vernünftig, sehr korrekt miteinander sprechen.

Diese Formelhaftigkeit fand sich auch im Worldbuilding wieder. Menschen standen für aufgeklärte Vernunft, Klingonen für Kriegerkultur, Romulaner für Intrigen. Spezies waren oft Charakterabkürzungen. Das passte ins Fernsehen der Achtziger und Neunziger, ließ aber wenig Raum für Widersprüche. Individualismus war möglich, aber nicht der Standard.

Uns hat das schon damals gereizt, diese Muster aufzubrechen. Also spielten wir mit Klingonen, die depressive Phasen hatten, mit Menschen mit Traumata, mit Ferengi ohne Profitinteresse und Bajoranern ohne Glauben. Gleichzeitig liebten wir natürlich die großen Picard-Reden und versuchten, so viel Shakespeare wie möglich einzubauen. Diese Mischung aus Respekt und spielerischem Bruch gehörte dazu.

Aber das alleine reichte nicht aus. Wahrscheinlich lag das an der Franchise Müdigkeit Mitte der 2000er. Unsere eigenen Geschichten waren moderner, direkter, manchmal roher. Und immer wieder tauchte die Frage auf, warum es eigentlich keine Star Trek Serie gab, die sich wirklich zeitgemäß anfühlte, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen.

Heute versucht Starfleet Academy genau diesen Spagat. Und wie so oft, wenn sich ein Franchise neu ausrichtet, ist das Fandom gespalten. Die Informationslage ist dabei fast schon ein eigenes Phänomen. Je nachdem, wonach man sucht, findet man Berichte über katastrophale oder herausragende Streamingzahlen, über angeblich gefeuerten oder weiterhin beschäftigten Kreativchefs. In Zeiten algorithmischer Wirklichkeiten kann man sich seine Wahrheit beinahe selbst kuratieren.

Ein zentraler Streitpunkt ist wieder die Sprache. Starfleet Academy verabschiedet sich hörbar vom alten Treksatlantic Tonfall. Für manche ist das ein Befreiungsschlag, für andere ein Qualitätsverlust. Kritisiert wird oft, heutige Autorinnen und Autoren könnten keine anspruchsvollen Dialoge mehr schreiben. Interessanterweise entzündet sich diese Kritik nicht selten an einzelnen Schimpfwörtern, als hinge daran die Seele des Franchise.

Dabei geht es meist um mehr. Viele wünschen sich das Star Trek, mit dem sie aufgewachsen sind. Und alles, was davon abweicht, wird schnell als Unverständnis für das Universum gelesen.

Ich sehe das differenzierter. In der dritten Folge der ersten Staffel, Vitus Reflux, funktioniert sicher nicht alles. Das Tempo ist stellenweise unrund, der Prank-Krieg mit dem War College ist eher schwach motiviert, und die Gegenseite bleibt teilweise simpel gezeichnet.

Aber ausgerechnet die Dialoge und die Charakterentwicklung gehören für mich nicht zu den Problemen. Im Gegenteil. Die Folge interessiert sich stärker dafür, wie junge Menschen miteinander sprechen, sich abtasten, aneinander reiben. Konflikte werden nicht mehr ausschließlich in moralischen Monologen gelöst, sondern in Gesprächen, die persönlicher wirken.

Ich brauche heute nicht mehr zwingend die Szene, in der alle an einem Tisch sitzen, sachlich Optionen von einer Powerpoint vorlesen lassen, abwägen und am Ende eine große Rede alles klärt. Das habe ich früher geliebt, und aus Nostalgie funktioniert das noch immer. Aber es trägt mich nicht mehr automatisch durch eine Serie.

Vitus Reflux findet seinen Reiz in der Dynamik zwischen den Figuren. Die Folge ist verspielt, oft leichtfüßig, selten cheesy. Da kann ich das Teen-Drama fast schon verzeihen. Besonders Chancellor Nahla Ake funktioniert als Figur für mich sehr gut. Ihre Art zu führen basiert weniger auf Kontrolle und mehr auf Vertrauen. Gerade ihre Szene mit Caleb zeigt das. Sie greift nicht alles vorweg, sondern lässt Raum für Entwicklung.

Darem rückt in dieser Episode stärker ins Zentrum, was mir gut gefällt. Seine Erkenntnis, dass es im Leben um mehr geht als darum, der Beste zu sein, ist dabei kein neues Motiv. Genesis bekommt ebenfalls Raum, ohne zur bloßen Streberkarikatur zu werden.

Auch die Nebenfiguren tragen zur Welt bei. Nicht jede Zeichnung ist subtil, aber vieles ist weniger schablonenhaft, als es auf den ersten Blick scheint. Selbst Gegenspieler haben Momente, in denen sie mehr sind als bloße Bullys. Und ja, ich mochte den Heist Teil, wobei ich zugeben muss, dass ich für Heist Geschichten generell empfänglich bin.

Bemerkenswert ist am Ende des Prank-Kriegs vor allem die Art seiner Auflösung. Die Kadetten entscheidet sich nicht dafür, das War-College mit den gleichen Mitteln zu schlagen oder die Eskalation weiterzutreiben. Stattdessen verlagert sich der Fokus darauf, nicht wie man einen Konflikt führt, sondern wie man ihn beendet. Der Abschluss betont Zurückhaltung, Reflexion und die Frage, welches Verhalten dem Selbstverständnis der Sternenflotte entspricht. Das passt zu der Idee einer Organisation, die sich nicht über Überlegenheit definiert, sondern über den Anspruch, Konflikte verantwortungsvoll zu handhaben.

Die Kombination aus Jett Reno und Lura Thok als Lehrende bringt zusätzlich Humor und Wärme hinein. Solche Figuren geben einer Serie Textur. Sie sorgen dafür, dass sich das Universum bewohnt anfühlt. Und wenn das jetzt noch so mit den Nebenfiguren weitergeht, spüre ich fast schon Deep Space Nine Vibes.

Vielleicht liegt hier der Kern. Starfleet Academy versucht nicht, das alte Star Trek zu kopieren. Es tastet sich vor, probiert aus, stolpert auch. Aber es wirkt lebendig. Und für ein Franchise, das seit Jahrzehnten existiert, ist Lebendigkeit vielleicht wertvoller als Perfektion.

Ich bewerte "Starfleet Academy, S01E03: Vitus Reflux" mit:

Wings of Desire, 1987

Wings of Desire, 1987

Das letzte Mal, als ich Der Himmel über Berlin gesehen habe, fand ich keinen wirklichen Zugang. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich ihn damals bis zum Ende durchgehalten habe. Erst nachdem ich Wim Wenders bei Alles gesagt gehört habe (ich würde den Link ja posten, aber Die Zeit verlangt inzwischen Geld für ihr Podcast-Archiv), wollte ich dem Film noch einmal eine Chance geben; wegen der vielen Anekdoten und dieser, sagen wir, sehr agilen, offenen Herangehensweise an den Film.

Und ja: Es ist immer noch nicht mein Film. Seine Erzählweise, die entschleunigte Dramaturgie und die bewusst sperrige Form bleiben für mich schwer zugänglich. Aber gleichzeitig strahlt er eine eigentümliche Wärme aus.

Ich bewerte "Wings of Desire, 1987" mit:

„Beta Test“ ist nicht ganz so stark wie der Auftakt, trotzdem absolut sehenswert

Als jemand, der Star Trek seit Jahrzehnten wirklich liebt, habe ich trotzdem schon vor Jahren (ich meine sogar im Podcast) gesagt, dass ich mich mit dem Label „Trekkie“ schwertue. Nicht, weil ich mich irgendwie von Star Trek abgrenzen will, im Gegenteil: Ich bin da emotional voll committet. Aber, das Fandom hat eben auch eine Seite, die so toxisch sein kann, dass ich mich darin nicht wohlfühle. Und ja: Es gibt in Deutschland zum Glück genug gute Ecken: Podcasts, Communitys, Nerd-Bubbles, in denen man sich über Star Trek austauschen kann, ohne sofort mit irgendwelchen Kulturkampf-Begriffen beworfen zu werden. Aber wenn ich mir anschaue, wie auf Reddit oder YouTube teilweise über die zweite Episode von Starfleet Academy hergezogen wird, dann denke ich mir: Ich will mit diesem „Hate als Grundhaltung“ einfach nichts zu tun haben.

Und genau das ist schade, weil die Episode, auch wenn sie für mich nicht ganz die Wucht des Staffelauftakts hat, inhaltlich ein paar spannende Pflöcke einschlägt. Sie zeigt sehr klar, was diese Serie sein könnte: nicht nur „Young Adult im Star-Trek-Universum“, sondern eine Staffel, die die junge Erwachsene als Thema ernst nimmt. Und das ist, ehrlich gesagt, ziemlich geil.

Warum ich Episode 2 schwächer finde als den Auftakt – und warum mich das trotzdem interessiert

Ich fand „Beta Test“ insgesamt nicht ganz so stark wie den Auftakt. Das liegt bei mir vor allem an der politischen Rahmung. Man spürt relativ deutlich, dass vieles davon in einer sehr konkreten US-Gegenwart geschrieben wurde: „America First“, Isolationismus, diese (manchmal etwas didaktische) Angst vor Rückzug, Abschottung, nationaler Selbstbespiegelung. Und wenn man sich vergegenwärtigt, dass das alles in Trumps erster Amtszeit geschrieben und auch produziert wurde, dann wirkt die Allegorie stellenweise wie ein Zeitkapsel-Reflex: nachvollziehbar, aber dramaturgisch nicht immer elegant.

Das ist nicht per se schlecht. Star Trek war immer schon eine Allegorie-Maschine. Aber hier ist die Übersetzung ins Dramatische manchmal einen Tick zu direkt, das war auch schon das Problem bei Discovery bei der Darstellung der isolatorischen Ist-Situation der Erde nach dem Burn. Die Pilotfolge hatte im Vergleich mehr Drive, mehr rhythmische Selbstverständlichkeit. „Beta Test“ wirkt für mich eher wie eine Episode, die ihr Thema sichtbar auf den Tisch legt und dann drumherum arrangiert, statt es organisch aus der Figurenlogik entstehen zu lassen.

Und trotzdem: Ich bleibe dran, weil genau in dieser Episode etwas passiert, das ich als langfristigen Staffel-Ansatz lese.

Die eigentliche Ansage der Episode: Jung Adults nicht nur als Zielgruppe, sondern als Thema

Was mich wirklich gepackt hat, ist der Perspektivwechsel auf die Kadetten. In „altem“ Star Trek waren Kadetten oft ein Mittel zum Zweck: Plotdevice, Gastrollen-Setting, Coming-of-Age-Folge hier, „Academy“-Backdrop dort. Selbst wenn die Academy auftauchte, war sie selten die emotionale und narrative Zentralperspektive. Die Figuren, die wirklich zählten, saßen üblicherweise auf der Brücke, in der Führungsebene, in der Entscheidungs- und Handlungsmacht.

Starfleet Academy dreht das um. Also ein bisschen. Und zwar nicht nur, indem sie junge Figuren zu Hauptrollen macht (das wäre die offensichtliche „Young Adult“-Schublade), sondern indem sie ein sehr Star-Trek-typisches Thema an diese Figuren knüpft: Wer wird eigentlich gehört? Wer wird ernst genommen? Wer bekommt institutionell eine Stimme? In dieser Episode fühlt es sich so an, als würde die Staffel sagen: „Wir schauen uns jetzt mal die jungen Leute an. Und zwar nicht als Marketingzielgruppe, sondern als gesellschaftliches und politisches Thema.“

Das ist ein riesiger Unterschied. Plötzlich sind die Kadetten nicht nur „die jungen Leute“, sondern sie werden als Subjekte inszeniert: mit eigener Wahrnehmung, eigener Verletzbarkeit, eigener Kompetenz und vor allem mit Relevanz für Entscheidungen, die sonst „die Großen“ treffen.

Und das zahlt für mich auch auf einen zweiten Punkt ein, der sich fast wie eine bewusste Rückbindung an klassische Trek-DNA anfühlt:

Betazoiden: Von Telepathie zu Empathie – ein Kanonbruch oder ein bewusstes Reframing?

Der andere große Diskussionspunkt, und natürlich wird darüber gestritten, weil das im Trek-Fandom ungefähr so zuverlässig kommt wie ein roter Alarm, ist Betazed bzw. die Betazoiden. Und hier ist es interessant, dass die Serie sie zumindest bisher nicht mehr primär als telepathische Spezies inszeniert, sondern stärker als empathisch. Das ist eine Verschiebung, die man nicht kleinreden muss: Telepathie ist in der Trek-Ikonografie ein ziemlich klarer Marker. Wenn daraus „Empathie“ wird, verändert das den gesamten semantischen Rahmen: weg von „Gedankenlesen“, hin zu „Stimmungswahrnehmung“.

Und ehrlich: Ich finde das erstmal nicht schlimm. Warum? Weil Telepathie oft eine erzählerische Abkürzung ist. Sie kann elegant sein, aber sie ist auch gefährlich als Plotwerkzeug, weil sie Konflikte zu schnell löst oder zu beliebig macht. Empathie dagegen ist filmisch und dramaturgisch häufig interessanter, weil sie ambivalenter ist. Deshalb war ja Deanna Troi als Halb-Betazoidin bei TNG keine Telepathin, sondern „nur“ eine Empathin. Denn: Empathie kann täuschen. Sie kann überfordern. Sie kann politisch instrumentalisiert werden. Sie kann auch zur Last werden, gerade bei jungen Figuren.

Wenn die Serie das bewusst macht, also Betazoiden als Spezies nicht darüber definiert, sich in fremden Köpfen umzuschauen und Dialoge führen zu können, ohne die Lippen (oder die Hände!) bewegen zu müssen, dann kann das ziemlich gut zu diesem ganzen Staffelthema "junge Leute ernst nehmen“ passen.

Und, ja: „Aber Kanon!" Kanon-Änderungen lösen immer reflexhafte Diskussionen aus. Das ist bei Star Trek wirklich Tradition. Aber hier kommt noch dazu, dass die Serie ja vielleicht eine Brücke anbietet: Wenn Tarima einen Neuroinhibitoren tragen muss aus Gründen, ist es völlig plausibel, dass telepathische Fähigkeiten unterdrückt oder nur fragmentarisch zugänglich sind. Und ob Präsident Sadal, dessen Schauspieler Anthony Natala übrigens auch taub ist, seine Gebärdensprache vorlesen lässt oder halt selbst über Theleopatie-Vodoo generiert, ist ja auch noch nicht klar. Ich finde, dadurch kann die Serie Empathie als erste Lesart etablieren und Telepathie später wieder zuschalten, oder auch nicht. Mir ist das tatsächlich ncith so wichtig.

Was mich eher interessiert als das „Dürfen die das?“ ist die Frage: Was gewinnen sie erzählerisch dadurch? Und aktuell sieht es so aus, als gewinnen sie eine feinere, psychologischere Erzählfläche.

Holly Hunter als Captain: weiblicher Führungsstil – und warum genau das manchen so weh tut

Und dann ist da Captain Ake. Da wird’s für mich fast schon unerquicklich, weil ich wirklich nicht verstehen will, wie man sich als sogenannte Fans so daran abarbeiten kann. Holly Hunter spielt diese Captain nicht als „Picard 2.0“, nicht als ikonische Statue auf dem Captain’s Chair, sondern als Figur mit einem Führungsstil, der spürbar anders codiert ist: körperlicher, näher dran, weniger „heroischer Stand“, mehr „situatives Einpassen“. Sie sitzt anders, nein, sie fläzt, sie bewegt sich anders. Sie läuft barfuß herum. Und ich liebe das, weil es die Körpersprache dieser Figur radikal entritualisiert. Star Trek hat oft sehr stark über Uniform, Pose, Präsenz geführt, das ist Teil seiner Ikonografie. Wenn eine Captain-Figur das unterläuft, ist das eine bewusste Setzung: Autorität muss nicht immer über starre Form hergestellt werden.

Was mich dabei nicht loslässt, ist der historische Kontrast: Kate Mulgrew hatte in den 90ern reale Kämpfe hinter den Kulissen bis hin zu sexistischen Debatten darüber, wie feminin ihre Captain Janeway sein „darf“, weil man Angst hatte, männliche Zuschauer würden sonst abspringen. Und jetzt zu sehen, wie eine Serie Jahrzehnte später eine Captain-Figur hinsetzt, die ohne Rechtfertigung feminin codiert führen darf, ohne dass die Serie daraus eine „Issue Episode“ machen muss. Toll!

Und genau diese Selbstverständlichkeit ist offenbar das, was toxische Fans als Angriff erleben, weil ihre eigene Erwartungsästhetik gestört wird: „So hat Captain zu sein.“ Und wenn dann eine Figur kommt, die das nicht erfüllt, wird das nicht als Variation gelesen, sondern als Provokation. Da spielt ganz viel fragiles Männlichkeitsgefühl rein, ganz viel Besitzanspruch auf kulturelle Symbole: „Star Trek gehört uns und muss so bleiben, wie wir es als cool abgespeichert haben.“ Und das ist, ehrlich gesagt, der Punkt, an dem ich mich wieder daran erinnere, warum ich mich mit dem Label „Trekkie“ unwohl fühle.

Dramaturgische Holperer: Konflikte, die zu schnell kommen und gehen

Natürlich ist nicht alles Gold. Manche Konflikte wirken in "Beta Test" etwas „gebaut“. Bestimmte Spannungen entstehen sehr schnell, eskalieren sofort und lösen sich dann wieder recht zügig auf – das fühlt sich manchmal nach Writers’ Room-Mechanik an: Man braucht an dieser Stelle einen Konfliktbeat, also bekommt man ihn, auch wenn die emotionale Ökonomie der Figuren ihn nicht ganz trägt. Ich spreche hier vom Konflikt Caleb/Tarima und dem Space Wall von Betazed.

Aber: Das ist bei vielen Serien so, gerade am Anfang, wenn ein Ensemble noch in Stellung gebracht wird. Und ich habe lieber eine Serie, die manchmal etwas zu sichtbar konstruiert, aber dafür thematisch mutig ist, als eine Serie, die glatt durchläuft und nichts riskiert.

Das War-College-Setting: Debatte als Star-Trek-Ästhetik

Das War-College-Setting ruft natürlich sofort Assoziationen hervor. Klar, man denkt an „Häuser“, an „Schulen“, an YA-Genre-Codes. Aber für mich ist entscheidend, dass die Serie das Setting nicht nur als Kulisse für Rivalitäten nutzt, sondern als Bühne für etwas, das Star Trek traditionell stark macht: Debatte, Diskurs, Aushandlung.

Wenn Verhandlungen, politische Entscheidungen und kulturelle Konflikte in einem akademischen/ausbildungsbezogenen Format stattfinden, ist das mehr als ein YA-Trick: Wir erzählen politische Bildung, Verantwortung und Entscheidungskompetenz als etwas, das gelernt und emotional ausgehalten werden muss. Und das wiederum passt perfekt zu diesem Staffel-Gedanken: Junge Leute werden nicht als „noch nicht fertig“ dargestellt, sondern als „gerade im Entstehen von Verantwortung“.

Und genau deshalb fühlt es sich für mich eben nicht so an, als wäre das „nur für Young Adults“, obwohl es manchmal doch etwas danach riecht. Es ist eher: Die Serie nutzt die YA-Perspektive, um ein Thema zu erzählen, das universell ist – und das in der Gegenwart sogar extrem brisant wirkt: Wer hört eigentlich auf die jungen Erwachsenen? Wer nimmt ihre Angst ernst? Wer baut Strukturen, in denen sie nicht nur funktionieren, sondern wachsen können?

Wenn das wirklich der Staffel-Rote-Faden wird, dann bin ich sowas von dabei.

Fazit: Nicht ganz so stark wie "Kids These Days", aber thematisch ein dickes Ausrufezeichen

Unterm Strich bleibe ich dabei: "Beta Test" ist für mich nicht ganz so rund und nicht so energetisch wie der Auftakt. Die politische Allegorie wirkt stellenweise etwas zeitgebunden, manche Konflikte sind dramaturgisch ein bisschen zu schnell montiert.

Aber gleichzeitig macht die Folge etwas, das ich hoch anrechne: Sie setzt thematisch eine Agenda. Sie stellt Kadetten ins Zentrum, nicht wie früher als Nebenschauplatz. Sie reframed Betazoiden (vorerst) von Telepathie zu Empathie, was erzählerisch klug sein kann, gerade mit dem Inhibitoren-Setup. Und sie gibt uns mit Holly Hunter eine Captain-Figur, deren weiblicher Führungsstil nicht als „Statement-Episode“, sondern als Normalität erzählt wird.

Ich lande damit immer noch bei sehr soliden 4 von 5 Sternen. Es ist nicht alles perfekt, aber ich habe das Gefühl: Hier kann sich was aufbauen. Und wenn ein Thema wirklich lautet „Wir nehmen die jungen Leute ernst“, als Figuren, als moralische Instanz, als Zukunft, dann ist das für mich nicht nur okay, sondern richtig geil.

Ich bewerte "Starfleet Academy, S01E02: Beta Test" mit:

Starfleet Academy: Echtes Trek-Gefühl

Starfleet Academy: Echtes Trek-Gefühl

Es gibt diesen ganz speziellen Moment, wenn eine neue Star-Trek-Serie an den Start geht. Nicht, weil ich sofort alles stehen und liegen lasse, sondern weil dieses Franchise sich wie ein roter Faden durch meine Biografie zieht. Als kleiner Steppke vor dem Röhrenfernsehen im ZDF habe ich den feinen Unterschied zwischen der Originalserie mit Kirk und "The Next Generation" mit Picard noch gar nicht begriffen. Für mich ging es schlicht um die Enterprise, das Schiff war der Star.

Ich erinnere mich nur noch, dass ich Kirk damals irgendwie packender fand. Effekte, Dramaturgie oder komplexe Erzählstrukturen spielten keine Rolle. Hauptsache Weltraum, Hauptsache Raumschiffe.

Reinwachsen ins Franchise

Deep Space Nine habe ich zunächst komplett verpasst. Bei Voyager hatte ich anfangs die seltsame Angst, dass das jetzt so aussehen würde wie diese liebevoll-handgemachten Fan-Specials, die Sat1 damals als Promo zeigten. Die Pilotfolge hat mich eines Besseren belehrt.

DS9 brauchte bei mir einen zweiten Anlauf, bis es sich in mein Herz gespielt hatte, aber dann war ich endgültig verloren. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar: Star Trek ist für mich gekommen, um zu bleiben.

NuTrek, Heritage Trek und ich dazwischen

Über die ersten Newsseiten im Netz habe ich später Enterprise informierter erlebt, inklusive des frühzeitigen Endes. Discovery hat mich anfangs visuell aus den Latschen gehauen, Picard war trotz seiner Schwierigkeiten sehenswert. Lower Decks hat mich als humorvolle Hommage positiv überrascht. Prodigy hat einen festen Platz in meinem Herzen und ja, ich halte es nach wie vor für eine Fehlentscheidung, dass die Serie zugunsten von Starfleet Academy weichen musste.

Strange New Worlds startete furios und lieferte genau den Sense of Wonder, den ich suchte. Bei jeder neuen Iteration schwingt bei mir die gleiche Hoffnung mit: Hoffentlich ist dies nicht der Schwanengesang auf Star Trek. Hoffentlich erreicht das Franchise neue Generationen. Nicht aus reiner Nostalgie, sondern wegen der humanistischen Grundidee dieses manchmal wunderbar cheesigen Universums: Dass wir positiv in die Zukunft blicken dürfen. Dass Empathie, Gestaltungswille und echte Hilfsbereitschaft keine Relikte der Vergangenheit sind.

Die nie eingelöste Idee: Starfleet Academy

Das Konzept der Starfleet Academy gehört zu den langlebigsten, aber lange Zeit nie eingelösten Visionen der Trek-Historie. Bereits 1968 philosophierte Gene Roddenberry über einen Kinofilm, der die Entstehungsgeschichte der zentralen Figuren beleuchten sollte. Kirk, Spock und McCoy hätten sich an der Akademie kennengelernt, erste Konflikte ausgetragen und dort ihr moralisches Fundament für die Sternenflotte gegossen.

In den 1970ern flackerte dieses Motiv in frühen Filmkonzepten immer wieder auf. Roddenberry brütete über der formativen Phase der Crew, über Idealen, der Ausbildung und dem institutionellen Aufbau der Föderation. Das Scheitern dieser Projekte lag damals weniger an mangelndem Interesse als vielmehr an internen Machtkämpfen, Drehbuch-Hürden und vertraglichen Sackgassen.

Beinahe-Umsetzung in den Achtzigern

Ganz konkret wurde es Ende der 1980er Jahre. Harve Bennett, der Produzent der Filme II bis V, entwickelte mit Star Trek: The Academy Years ein echtes Prequel. Kirk und Spock als junge Kadetten, konzipiert als klassische Coming-of-Age-Geschichte.

Paramount zeigte ernsthaftes Interesse; man dachte über Castings, Schauplätze und sogar Cameos der Original-Garde nach. Doch die Angst, ein Star-Trek-Film ohne das etablierte Ensemble könnte an den Kinokassen baden gehen, überwog. Letztlich entschied man sich für Star Trek VI: Das unentdeckte Land. Die Academy-Pläne wanderten zurück in die Schublade.

Fast eine Serie, dann doch nicht

Einen weiteren Anlauf gab es Mitte der 1980er, kurz vor The Next Generation. Paramount erwog eine Serie, in der Kadetten im Mittelpunkt stehen sollten. Eine Variante sah sogar die Enterprise als fliegende Academy vor.

Gene Roddenberry war skeptisch. Zu jugendlich, zu leichtgewichtig. Stattdessen entschied man sich für ein Ensemble erfahrener Offiziere. Die Academy verschwand erneut aus dem Zentrum, blieb aber als Idee präsent.

Jetzt also wirklich: Starfleet Academy

Und nun ist sie tatsächlich da. Unter der Ägide von Alex Kurtzman ist Starfleet Academy gestartet. Und ich muss ehrlich sagen: Die ersten beiden Folgen auf Paramount+ haben mich förmlich weggeblasen. Das Franchise ist heute gespaltener denn je: NuTrek hier, Heritage Trek da. Alles Alte wird oft sakrosankt behandelt, alles Neue reflexartig abgelehnt. Das Bonmot „Wenn du Star-Trek-Fans verärgern willst, bringe eine neue Serie heraus“ scheint aktueller denn je.

Ich stehe irgendwo dazwischen. Auch ich hinterfrage kritisch manche Story-Arcs und ärgere mich über einen mitunter flatterhaften kreativen Output. Und trotzdem freue ich mich jedes Mal wie der kleine Junge von damals, wenn es einen neuen Versuch gibt, dieses Universum zu erweitern.

Wiederaufbau, Ideale, Hoffnung

Bei Starfleet Academy spürt man sofort einen qualitativen Shift. Die oft klinische LED-Wall-Ästhetik aus Discovery-Zeiten wurde durch großzügige, haptische Sets ersetzt, die dem Ganzen eine nötige Erdung verleihen. Und der Cast muss sich mit Kalibern wie Holly Hunter und Paul Giamatti vor keiner High-End-Produktion verstecken.

Interessant ist die zeitliche Einordnung: Der „Burn“-Arc aus Discovery bildet das narrative Fundament. Ein katastrophaler Bruch, der die Föderation einst zerreißen ließ. Während die Einführung dieses Ereignisses in Discovery auf mich oft unbeholfen wirkte, greift die Prämisse hier endlich vollumfänglich. Die Akademie existiert nicht trotz des Zusammenbruchs, sondern als Antwort darauf. Sie ist ein bewusster Neuanfang nach einem kollektiven Trauma. Es geht nicht mehr primär um Expansion oder technologische Dominanz, sondern um den Wiederaufbau von Vertrauen. Die Serie stellt die essenzielle Frage: Sind Ideale nach einem zivilisatorischen Kollaps überhaupt noch erlernbar? Dass Star Trek diesen Prozess in Klassenzimmern und Schlafsälen verortet, fühlt sich – gerade mit Blick auf unsere aktuelle gesellschaftliche Lage – erstaunlich richtig an.

Die Figuren sind erfreulicherweise nicht perfekt gezeichnet. Es gibt Reibung, leise Zweifel und offene Konflikte. Für mich ist Starfleet Academy dabei keine Coming-of-Age-Serie im herkömmlichen Sinne. Ja, es gibt das typische „High-School-Gefühl“, aber es wirkt nicht wie ein kalkulierter Köder für ein Young-Adult-Publikum. Es ist ein erzählerisches Werkzeug. Die Serie erzählt keine Geschichte über die Jugend, sondern eine Geschichte mit jungen Charakteren. Dass es sich manchmal wie ein Teen-Drama anfühlt, ist die logische Konsequenz des Settings: Menschen, die lernen müssen, Verantwortung für die Galaxis zu übernehmen, während sie noch mit ihrer eigenen Identität ringen.

Der Pilot liefert zudem einen cineastischen Praxisschock, der die Theorie sofort auf die Probe stellt. Hier geht es nicht direkt um den Untergang der Galaxis, sondern um ein konkretes Problem, das Teamwork und Charakter über Uniformregeln stellt. Die Kadetten werden weder als fertige Helden noch als Witzfiguren inszeniert. Sie dürfen scheitern und überfordert sein. Und genau in diesen Momenten blitzt sie wieder auf: Diese urtypische Trek-Idee, dass wir alles meistern können, wenn wir an einem Strang ziehen.

Die Mischung aus Drama und akademischem Setting funktioniert für mich deshalb so gut, weil sie ihren eigenen Ton ernst nimmt: mal humorvoll, mal rau, mal überraschend warmherzig. Es kippt eben nicht ins „CW-Niveau im Weltall“ ab. Am Ende bleibt dieses wohlige Star-Trek-Gefühl, das ich lange vermisst habe: Ein Moment zum Durchatmen und der feste Glaube daran, dass diese Vision der Zukunft auch heute noch funktioniert.

Ich bin begeistert.

Ich bewerte "Starfleet Academy, S01E01: Kids These Days" mit:

Cold Pursuit, 2019

Cold Pursuit, 2019

Ich hatte vorher ehrlich gesagt mit Liam Neeson nicht viel am Hut, nicht aus Abneigung, sondern weil er einfach nie auf meinem Radar war. Aber nachdem ich ihn in “Die nackte Kanone” gesehen hatte, dachte ich mir: Guckst du dir doch mal was an. Und siehe da: “Cold Pursuit” hat mich mit seinem skurrilen Humor wirklich abgeholt.

Regisseur Hans Petter Moland, der hier quasi seine eigene norwegische Vorlage noch mal neu aufgelegt hat, spielt herrlich mit den Genre-Erwartungen. Und ja, gerade wenn es draußen so schön schneit wie gerade, passt das Setting mit den verschneiten Bergen und dem schwarzen Humor irgendwie ganz wunderbar.

In aller Kürze: Es ist ein Film, der zeigt, dass man selbst in einer frostigen Rache-Story herzhaft lachen kann.

Ich bewerte "Cold Pursuit, 2019" mit: