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#Rezension

Hier stehen meine Rezensionen, Kritiken und Besprechungen zu Filmen, Serien und anderen Medien.

Schuld, Scham und Politik

Ich mag diese High-Stakes-Finale eigentlich nicht besonders. Also Folgen, in denen plötzlich eine Bedrohung auftaucht, die so groß ist, dass mein Primatenhirn sie gar nicht mehr wirklich fassen kann. Und gleichzeitig weiß man natürlich auch, dass die Konsequenzen am Ende nicht eintreten. Die Galaxis wird nicht zerstört, die Föderation wird nicht ausgelöscht, das Universum bleibt bestehen. Meistens wird sie gerettet, bei einem Countdown, der schon nahe der null ist.

Interessanterweise ging es für mich in dieser Folge auch gar nicht wirklich um diese Bedrohung. Nicht um die „Mauer des Todes“, wie Jett Reno das so schön nennt. Emotional drehte sich für mich fast alles um Nala Ake. Um Schuld, um Scham und um die Frage, was ein Mensch mit Entscheidungen macht, die er nicht mehr rückgängig machen kann.

Und Holly Hunter spielt das schlicht großartig.

Schuld, Scham und eine Entscheidung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist

Der eigentliche Kern der Geschichte liegt für mich in der Vergangenheit von Nala Ake. Sie hat Caleb damals auf Befehl von seiner Mutter getrennt. Diese Entscheidung hat ein Leben zerstört. Sie hat Caleb seiner Familie genommen, seine Mutter aus der Bahn geworfen und letztlich auch dazu geführt, dass sie selbst Starfleet verlassen hat.

Das Interessante ist dabei die Dynamik von Schuld und Scham. Schuld richtet sich auf eine Handlung. Man hat etwas getan, das falsch war. Scham dagegen richtet sich auf das eigene Selbst. Man fühlt sich selbst falsch.

Ake wirkt in dieser Folge wie jemand, der beides trägt. Sie weiß genau, dass die Entscheidung falsch war. Sie weiß auch, dass sie sie damals schon für nicht richtig gehalten hat. Sie hat auf Befehl gehandelt. Und sie weiß, dass diese Rechtfertigung nichts mehr daran ändert, was daraus entstanden ist.

Deshalb verteidigt sie sich in der Verhandlung auch kaum. Nicht, weil sie keine Argumente hätte. Sondern weil sie weiß, dass sie moralisch bereits verloren hat.

Das ist ein sehr Star-Trek-Moment. Nicht die Frage, wer recht hat, sondern die Frage, wie Charaktere mit ihren Fehlern leben.

Und dann kommt Tatiana Maslany als Calebs Mutter dazu. Ihr Zusammenspiel mit Holly Hunter ist fantastisch. Diese Mischung aus Wut, Schmerz, Einsicht und dem vorsichtigen Versuch, wieder einen Schritt aufeinander zuzugehen, gehört für mich zum besten Schauspiel, das diese Staffel hatte.

Als sie am Ende doch noch zurückgewunken hat, hat mich das ehrlich berührt.

Die Athena-Brücke und ein bisschen Humor im Weltuntergang

Auch auf der Brücke gibt es ein paar schöne Momente.

Tig Notaro ist als Reno einfach großartig. Genau diese Mischung aus trockener Professionalität und komplettem Desinteresse an militärischer Förmlichkeit hatte ich mir schon bei Discovery öfter gewünscht.

Der Pinkel-Moment hat mich tatsächlich zum Lachen gebracht. Ja, das ist dieser Marvel-artige Humor, der Erwartungen bricht und Situationen kurz entkrampft. Star Trek sammelt damit erst Erfahrung, aber ich finde, hier funktioniert es. Die Szene, in der Genesis zum ersten Mal im Captain’s Chair sitzt, hat das für mich nicht kaputt gemacht.

Man merkt allerdings auch, dass eine Staffel mit nur zehn Folgen ihre Grenzen hat. Einige Figuren bekommen kaum Raum. Der Doktor holt seinen mobilen Emitter raus und nachdem er im Schiffssystem war, hat er eine Lösung, die er nicht aussprechen kann, weil er an Aphasie leidet. Elegant ist das nicht, aber bei dieser Episodenanzahl und dem Spannungsbogen dieser Folge wohl kaum anders zu lösen.

Am Ende gelingt es der Crew natürlich in letzter Sekunde, die Minen zu entschärfen und der Föderation nebenbei noch eine potenziell unendliche Energiequelle zu sichern.

Verhandlungen als klassisches Star-Trek-Erzählmittel

Der andere große Teil der Episode ist die Verhandlung mit Nustopher Braka.

Ich mochte ihn auch hier wieder sehr, vor allem in dem Moment, in dem seine Lügen langsam auseinanderfallen. Gleichzeitig macht die Serie hier etwas, das einerseits sehr typisch für Star Trek ist und sich andererseits seltsam aus der Zeit gefallen anfühlt.

Star Trek liebt Gerichtsverhandlungen.

  • Die allererste Folge von The Next Generation, Mission Farpoint, beginnt mit einem Prozess gegen die Menschheit.
  • In The Drumhead sehen wir, wie eine Untersuchung langsam in eine Hexenjagd kippt.
  • The Measure of a Man stellt die Frage, ob Data eine Person ist oder Eigentum.
  • Und in Star Trek VI verteidigt ein Anwalt Kirk und McCoy vor einem klingonischen Gericht.

Verhandlungen gehören zum moralischen Werkzeugkasten von Star Trek. Sie erlauben es der Serie, ihre ethischen Konflikte offen auszudiskutieren.

Und genau das passiert hier auch.

Gleichzeitig wirkt so eine dialoglastige Gerichtshandlung heute fast ein bisschen anachronistisch. Serien erzählen Konflikte heute schon etwas moderner. Eine lange Szene, in der Figuren einfach reden und Argumente austauschen, ist fast schon altmodisch.

Ich finde es ehrlich gesagt mutig, dass die Serie das trotzdem macht.

Das Setting hingegen finde ich nicht sonderlich gelungen. Sie haben das Atrium der Athena angezündet, man spürt die brennenden Mülltonnen regelrecht. Das hat mich leider eher an Borderlands erinnert als an ein cooles Set der Handlung.

Nustopher Braka

Nustopher Braka funktioniert für mich in dieser Folge etwas anders als zuvor. In Ake’s Büro war er eine komplexe Figur. Hier wirkt er teilweise fast eindimensional.

Aber eigentlich ergibt das Sinn. Das ist eine öffentliche Verhandlung. Und eine öffentliche Verhandlung ist immer auch Politik. Braka spricht nicht nur zu den Beteiligten im Raum, sondern zu einem Publikum. Zu seinen eigenen Leuten. Zu denen, die sich von der Föderation bevormundet fühlen. Zu denen, die glauben, dass dort oben jemand sitzt, der ihnen ständig erklärt, wie sie zu leben haben.

Die Folge arbeitet dabei sehr stark mit dem Zeigefinger. Sie zeigt auf Braka, auf seine Rhetorik, auf seine Anhänger und macht relativ deutlich, wie durchschaubar diese Mechanismen sind. Die Fox-News-artigen Einblendungen des Drohnen-Footage sind dann für die, die die Parallelen immer noch nicht verstanden haben.

Gleichzeitig passiert dabei etwas Interessantes. Die Serie wirft der Föderation vor, mit dem moralischen Finger auf andere zu zeigen, sie zu belehren und vorzuführen. Und im selben Moment macht die Serie genau das mit ihm und seinem Lager. Sie sagt im Grunde: Schaut euch das an. Wer kann so etwas ernsthaft unterstützen?

Ich verstehe diesen Impuls. Und ehrlich gesagt teile ich ihn oft auch.

Aber genau hier hätte ich mir von Star Trek noch einen Schritt mehr gewünscht. Nicht im Sinne von Verständnis für seine Position. Sondern im Sinne eines Versuchs, die Menschen zu erreichen, die hinter solchen Figuren stehen. Nicht nur zu zeigen, wie falsch sie liegen, sondern einen Weg aufzuzeigen, wie man aus dieser Konfrontation wieder herauskommt.

Gerade Star Trek war früher oft stark darin, solche Brücken zu bauen.

Calebs Moment

Der Moment, in dem Caleb schließlich selbst das Wort ergreift, ist toll. Man merkt, dass Ake genau damit gerechnet hat.

Sie weiß, dass ihre eigene Stimme in dieser Situation nichts mehr retten kann. Aber Caleb kann sprechen. Und er kann eine Brücke schlagen.

Das ist eine sehr elegante Lösung der Geschichte.

Viele Figuren, viele Ideen und eine kurze Staffel

Trotzdem bleibt das Gefühl, dass diese Staffel vielleicht einfach zu viel wollte.

Das War College spielte diesmal fast keine Rolle mehr. Der Liaison-Offizier taucht nicht mehr auf. Die Brückencrew haben wir gefühlt zuletzt im Piloten gesehen. Auch die Entwicklung einiger Figuren wirkt etwas gehetzt.

Der Doktor war plötzlich sehr zynisch, was man zwar nachvollziehen konnte, aber nie wirklich erzählt bekam. Seine Entwicklung zum liebevollen Vater ging danach wiederum sehr schnell.

Bei den Kadetten sieht es ähnlich aus.

Man merkt, wie viele Ideen diese Staffel unterbringen wollte.

Für zehn Folgen ist das eigentlich zu viel.

Fazit

Trotz dieser Schwächen funktioniert das Finale für mich erstaunlich gut, weil diese Folge im Kern eine Geschichte über Schuld, Verantwortung und Versöhnung erzählt.

Und weil Holly Hunter das mit einer Intensität spielt, die man im Fernsehen nicht jeden Tag sieht.

Für mich sind das am Ende klare fünf von fünf Sternen.

Ach, und die Reaktionen im Netz sind wieder herrlich, auch was die letzte Folge betrifft. Heute nur ein Beispiel: Wie schafft man es das ganze Föderationsgebiet zu verminen? Das ist doch unmöglich und reine Fantasy und die Autoren haben keine Ahnung! Die Ressourcen! Die Zeit! Un-real-istisch! Sowas von. Certifiably Ingame hat die Rechnung gemacht, und sagt: Naja, geht doch. Irgendwie.

Classic Trek mit ein paar moralischen Rissen

Mit „300th Night“ biegt Starfleet Academy auf die Zielgerade seiner ersten Staffel ein. Es ist eine dieser klassischen vorletzten Folgen, in denen sich plötzlich viele Fäden zusammenziehen und man merkt, wie vieles aus den vorherigen Episoden auf einmal zusammenpasst.

Interessant ist dabei vor allem, wie sehr die Episode auf vertraute Star-Trek-Motive setzt. Caleb stiehlt ein Shuttle, ein Captain missachtet indirekt Befehle, eine kleine Crew fliegt hinterher und am Ende hängt alles an einem einzigen Schiff. Das sind Tropen, die so alt sind wie das Franchise selbst. Und doch wirkt es hier nicht wie bloße Nostalgie: Kirsten Beyers Drehbuch versucht gar nicht erst, diese Muster zu verstecken, die Figuren wissen selbst ziemlich genau, was hier gerade passiert. Dadurch erspart sich die Episode viele der üblichen Diskussionen über Befehle, Disziplinarmaßnahmen und mögliche Kriegsgerichte, die ohnehin nie wirklich Konsequenzen haben.

Caleb zwischen zwei Familien

Im Zentrum steht dabei weiterhin Caleb Mir. Sein gesamter Charakter wird seit Beginn der Staffel von der Suche nach seiner Mutter bestimmt, mal mehr, mal weniger im Fokus der Drehbücher. Er ordnet anscheinend immer noch alles diesem Ziel unter. Beziehungen, Freundschaften, sogar seine eigene Zukunft in der Sternenflotte.

Das ist auch der Grund, warum seine Reaktion beim klingonischen Ritual von Jay-Den für mich zunächst etwas irritierend wirkte. Eigentlich ist Caleb im Laufe der Staffel gewachsen. Die Dynamik mit Jay-Den fühlt sich längst wie eine Art Brüderverhältnis an. Umso seltsamer wirkt es, dass er ausgerechnet in diesem Moment wieder in dieses alte Muster zurückfällt und sich entzieht.

Man spürt ziemlich deutlich, dass diese Szene dramaturgisch vorbereitet, was später mit seiner Mutter passiert. Genau dadurch wirkt sie etwas konstruiert. Caleb ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon weiter. Trotzdem zwingt ihn das Trauma seiner Kindheit und Kirsten Beyer zurück in diese alte Rolle.

Gerade darin liegt aber auch die Stärke der Episode. Caleb ist sich seiner eigenen Haltung nicht einmal vollständig sicher. Er weiß, dass er inzwischen eine neue Familie gefunden hat. Gleichzeitig zwingt er sich selbst dazu, seine Mutter über alles andere zu stellen. Als wäre er ihr das schuldig.

Eine Begegnung mit Emotion

Das Wiedersehen zwischen Caleb und seiner Mutter funktioniert genau deshalb so gut, weil die Serie hier Raum für Emotion lässt.

Nach sechzehn Jahren stehen sich zwei Menschen gegenüber, die beide nicht mehr dieselben sind. Man merkt Caleb an, wie sehr er diesen Moment idealisiert hat. Und man merkt Anisha sofort an, dass sie längst gelernt hat, in einer Welt zu überleben, in der Vertrauen ein Luxus ist.

Die Szene lebt weniger von großen Dialogen als von kleinen Momenten. Von der Mischung aus Erleichterung, Skepsis und der vorsichtigen Erkenntnis, dass da immer noch eine Verbindung existiert. Diese emotionale Ebene gehört zu den Momenten, in denen Starfleet Academy zeigt, dass die Serie ihre Figuren wirklich versteht.

Ein Universum voller Tropen

Parallel dazu arbeitet die Folge bewusst mit klassischen Star-Trek-Versatzstücken.

Der Shuttle-Diebstahl gehört quasi zum Pflichtprogramm des Franchise. Dass Sam, Genesis und der unglückliche Darem noch mit hineinstolpern, ist offensichtlich konstruiert. Gleichzeitig ist die Szene so charmant inszeniert, dass man ihr das gerne verzeiht. Die Dynamik zwischen den Figuren funktioniert einfach.

Auch der Planet Ukeck hat für mich genau das richtige Gefühl erzeugt. Eine schmutzige, halb gesetzlose Welt am Rand des Föderationsraums, voller bekannter und unbekannter Spezies. Obwohl vieles vor der AR-Wall entstanden ist, wirkt der Ort erstaunlich glaubwürdig. Genau so sehen diese grauen Zonen des Star-Trek-Universums in meiner Vorstellung aus.

Und dann ist da natürlich die Athena.

Dass Ake den Kadetten hinterherfliegt, gehört zu den Momenten, in denen die Serie auf Tradition setzt. Es ist diese Art von Entscheidung, die man früher bei anderen Starfleet-Captains im Kino der im Fernsehen gesehen hat. Der Unterschied liegt diesmal darin, dass kein „Badmiral“ auftaucht, um künstlich Konflikt zu erzeugen. Admiral Vance weiß genau, was Ake tun wird. Und er lässt es geschehen.

Die moralische Schieflage der Föderation

Das eigentliche Problem der Folge ist jedoch eine ganz andere Enthüllung.

Die Föderation hat am Omega-Molekül geforscht.

Wer sich an Star Trek: Voyager erinnert, weiß, was das bedeutet. Omega ist kein gewöhnliches Partikel. Seine Zerstörung kann den Subraum dauerhaft beschädigen und Warp-Reisen unmöglich machen. In der Logik des Star-Trek-Universums gehört es zu den gefährlichsten Phänomenen überhaupt.

Dass die Föderation nicht nur daran forscht, sondern offenbar sogar eine verbesserte Variante namens Omega-47 (ha! 47!) entwickelt hat, wirft unangenehme Fragen auf. Natürlich kann man argumentieren, dass wissenschaftliche Forschung auch bei gefährlichen Themen notwendig ist. Trotzdem wirkt es moralisch zweifelhaft, wenn ausgerechnet die Organisation, die sich selbst als moralisches Zentrum der Galaxis versteht, mit einer potenziellen Massenvernichtungswaffe experimentiert.

Und wenn ich versuche, es positiv zu beschreiben: Die Föderation ist nicht mehr die makellose Utopie früherer Jahrzehnte. Sie ist eine politische Struktur mit eigenen Widersprüchen und moralischen Grauzonen.

„300th Night“ streift dieses Thema nur am Rande. Aber allein die Tatsache, dass Omega-47 existiert, verschiebt das moralische Fundament der Welt ein Stück weit. Die Föderation wirkt dadurch weniger wie ein idealistisches Projekt und mehr wie eine Zivilisation, die in einem gefährlichen Universum versucht mitzuhalten.

Das kann spannend sein. Aber es fühlt sich so an, als ob es an einem der Grundpfeiler von Star Trek kratzt.

Problematisch wird es erst im letzten Teil der Episode.

Der Plan der Venari Ral ist als Idee zunächst interessant: Die Föderation wird isoliert, abgeschnitten vom Rest der Galaxis. Ein Konflikt, der die Serie in eine völlig neue Situation bringen könnte.

Leider wird diese Idee so extrem umgesetzt, dass sie schwer ernst zu nehmen ist. Omega-Minen, die ganze Sternensysteme beeinflussen und den Föderationsraum praktisch einkesseln, bewegen sich bereits sehr nah an der Grenze zwischen Science-Fiction und Fantasy.

Hier erinnert die Episode ein wenig an frühere Momente aus Discovery, in denen große Metaphern irgendwann zu technobabbeligen Spektakeln wurden. Wenn ein Konzept so gewaltig wird, dass es kaum noch plausibel erscheint, verliert es bei mi9r gleichzeitig auch erzählerisch an Spannung. Sag ich mal so.

Gerade deshalb wirkt der Cliffhanger am Ende zwar spektakulär, aber auch etwas überdreht.

Ein Gefühl von echtem Star Trek

Trotz dieser Schwächen hat „300th Night“ bei mir erstaunlich gut funktioniert.

Vielleicht gerade deshalb, weil die Episode so viele klassische Elemente des Franchise aufgreift. Die Figuren handeln wie Star-Trek-Figuren. Sie treffen Entscheidungen aus Loyalität, aus Freundschaft und aus einem gewissen Idealismus heraus.

Und zwischendurch gibt es immer wieder diese kleinen Momente, in denen die Serie einfach Spaß macht. Humor, Emotion, ein bisschen Pathos. All das gehört zu diesem Universum dazu.

Am Ende bleibt deshalb vor allem ein Gefühl zurück: Dieses warme, vertraute Gefühl, das man bekommt, wenn eine Star-Trek-Episode ihre Figuren versucht ernst zu nehmen und ihnen Raum gibt, miteinander zu wachsen. Genau das macht „300th Night“ über weite Strecken richtig.

Die Folge bringt viele Handlungsstränge zusammen, steigert die Spannung für das Finale und erinnert gleichzeitig daran, warum dieses Universum seit Jahrzehnten funktioniert.

Oder anders gesagt: eine klassische vorletzte Folge, die Lust auf das Staffelfinale macht.

Wenn Trauma auf der Bühne landet

Diese Episode ist schwierig. Ich kann alle verstehen, die mit Erzählweise und Pacing nicht klarkommen und sie deshalb eher frustrierend als gelungen finden. Ich war selbst lange nicht sicher, wo die Folge eigentlich hinwill.

Das liegt vor allem daran, dass sie gleich drei große Themen gleichzeitig aufmacht. Das ist mindestens eines zu viel. Da ist zunächst Lieutenant Tilly, die aufgrund ihrer offenen und freundlichen Art, diesmal nicht als Wissenschaftlerin, sondern als Traumtherapeutin von der Leitung gerufen wird, um eine Theater-AG zu gründen. Dann ist da Tarima, die mit den Ereignissen auf der Miyazaki überhaupt nicht klarkommt und deren posttraumatische Belastungsstörung immer deutlicher hervortritt. Und schließlich Sam, deren Programmierung offenbar einen fundamentalen Designfehler enthält – etwas, das sich nicht einfach reparieren lässt und das sie emotional schwer belastet.

Wir haben also Tarima, die mit der Situation auf der Miyazaki ringt und den Verlust von B'Avi irgendwie verarbeiten muss. Wir haben Sam, die ebenfalls noch an den Folgen leidet. Wir haben die übrigen Kadetten, die nicht wissen, wohin mit ihrer Überforderung. Und wir haben eine Akademieleitung, die selbst nicht so richtig weiß, was man damit eigentlich anfangen soll und deshalb externe Hilfe organisiert. Das ist schon extrem viel Stoff für eine einzige Episode. Und dann kommt noch das Theaterstück Our Town dazu, ein kultureller Referenzpunkt, der für amerikanische Zuschauerinnen und Zuschauer vermutlich sofort verständlich ist. Für mich hingegen überhaupt nicht. Ich kannte das Stück nicht, hatte nie davon gehört und habe beim ersten Schauen viele Anspielungen schlicht nicht verstanden. Und hier wird dann auch klar, warum Star Trek so oft Shakespeare oder andere Klassiker zitiert: Diese Texte funktionieren auch außerhalb der USA. Das alles sorgt bei mir dafür, dass sich die erste Hälfte der Episode ziemlich orientierungslos anfühlt.

Und trotzdem gibt es in dieser Folge Momente, die mich komplett umgehauen haben.

Allen voran Tarima. Die Darstellung ihrer posttraumatischen Belastungsstörung ist großartig und gleichzeitig herzzerreißend. Dass sie nach den Ereignissen vom War College zur Academy versetzt wurde, lässt sich erzählerisch nur halb erklären, aber ich verstehe auch, warum die Autorinnen nicht noch zusätzliche War-College-Figuren in diese ohnehin schon überfüllte Episode beleuchten wollten. Tarima steht nun vor einer Reihe ungelöster Konflikte. Sie muss sich darüber klar werden, was Caleb für sie bedeutet. Sie muss verarbeiten, was auf der Miyazaki passiert ist und vor allem mit den Konsequenzen, die daraus für sie entstanden sind. Und sie muss damit klarkommen, dass das, was ihr bisher Halt gegeben hat, plötzlich verschwunden ist: Struktur, Regeln, Sicherheit.

Besonders deutlich wird das in der Szene im Quartier zwischen ihr und Caleb. Zoë Steiner spielt Tarima hier absolut fantastisch. Der betrunkenen Version ihrer Figur gelingt etwas sehr Schwieriges: Sie bleibt vollkommen ernst. Tarima wirkt in diesem Moment wie jemand, der sich völlig fremdbestimmt fühlt. Wahrscheinlich war es nie ihre eigene Entscheidung, sich nach dem Vorfall mit ihrem Vater diesen Inhibitor-Knopf einsetzen zu lassen. Und das ihr eine neue Version nach der Miyazaki, eingesetzt wurde, wahrscheinlich noch weniger. Und der Wunsch für ihre Versetzung zur Academy stammt definitiv nicht von ihr. Sie fühlt sich allein, missverstanden und kontrolliert. Sie spürt, dass andere an ihrer Autonomie kratzen. Sie will Caleb küssen und selbst das wird ihr verwehrt. Und deshalb stößt sie ihn dann weg. Das Wegstoßen bezieht sich nicht auf Caleb, sondern auf sie selbst: Ich werde dich auf kurz oder lang verletzen. Deshalb werde dich schützen. Ich bin nicht gut für dich. Der Subtext dieser Szene schreit förmlich: Lasst mich doch bitte versuchen, selbst damit klarzukommen. Nehmt mich so, wie ich bin, ich schaffe das schon. Ich brauche dafür kein dummes Theaterstück. Und vor allem brauche ich keine Leute um mich herum, die sich Sorgen machen, weil ich einfach weiß, dass alle Leute, die mir was bedeuten, früher oder später sowieso verschwinden oder Schaden nehmen. Genau das macht diese Szene so traurig und gleichzeitig so ehrlich. Traumata funktionieren selten rational. Natürlich ist aus der Distanz klar, dass alle versuchen, ihr zu helfen. Aber Tarima kann das in diesem Moment nicht sehen.

Parallel dazu erzählt die Folge Sams Geschichte. Sam ist ein photonisches Lebewesen, das mit Glitches kämpft, die niemand erklären kann, und das trotzdem versucht, für seine Freundinnen immer ein Lächeln auf den Lippen zu behalten. Und auch hier gibt es eine Szene, die mich komplett erwischt hat: den Moment, in dem Sam den Doktor bittet, ihre Hand zu halten. Eigentlich ist das ein kleiner Moment, aber er steckt voller Bedeutung. Sam sucht Sicherheit, vielleicht Geborgenheit, vielleicht einfach das Gefühl, dass der Doktor nicht nur Arzt, sondern auch ihr Mentor ist. Und der Doktor verweigert es. Ich saß davor und dachte nur: Du bist ein fast tausend Jahre altes Hologramm, jetzt gib ihr doch einfach deine verdammte Hand! Natürlich stellt sich heraus, dass der Doktor selbst traumatisiert ist, und zwar durch eine alte Voyager-Episode, die ich ehrlich gesagt längst vergessen hatte. Dass ausgerechnet dieses Erlebnis seine Blockade erklärt, wirkt erzählerisch ein wenig konstruiert, passt aber immerhin zum übergeordneten Thema der Staffel: Verlust von Kindern und die Traumata, die daraus entstehen. Gefilmt wurde die Szene auch wieder im Atrium der Academy. Alles andere wäre vermutlich zu teuer gewesen. Regisseurin Andi Armaganian war das sehr bewusst, und sie hat sich deshalb entschieden, die Szenen dort alle in schwarz-weiß ausstrahlen zu lassen.

Die anschließende Montage in Farbe wirkt wie eine moderne Version von „The Inner Light“, unterlegt mit dem Voiceover aus Our Town. Für mich funktionierte das beim ersten Schauen nur teilweise. Die Bilder waren stark, die Atmosphäre ebenfalls, aber ich habe schlicht nicht verstanden, welchen Subtext das alles hat. Was ich verstanden habe: Der Doktor kann Sam heilen, in dem er ihr Vater ist und sie eine Kindheit und Jugend erleben kann, um für das Jetzt die notwendige Resilienz aufbauen zu können. Und dem Doktor hilft es, weil er dadurch auch sein Trauma bezwingen kann.

Interessanterweise verändert das auch den Blick auf die vorherige Episode. Die wirkt jetzt noch unnötiger, durch diese Folge. Nichts hätte sich geändert, wenn dass die Anschlussfolge zu Miyazaki gewesen wäre. Schade.

Am Ende bleibt für mich deshalb eine Folge, die in der ersten Hälfte ziemlich verloren wirkt und in der zweiten Hälfte plötzlich zeigt, was sie eigentlich sein wollte. Eine Episode über Trauma, über Nähe und darüber, wie schwer es sein kann, Hilfe anzunehmen, selbst wenn sie direkt vor einem steht.

Ko'Zeine: Der erste echte Aussetzer

Ko'Zeine: Der erste echte Aussetzer

Ich mag die AR-Wall einfach nicht. Auch wenn man da Pavillons reinstellt, Sand reinkippt und sich wirklich Mühe beim Set-Design gibt, ich bin da irgendwie raus. Und wenn dann auch noch wie in dieser Folge „Ko'Zeine“ von Starfleet Academy gähnend langweilige und uninspirierte Dialoge in so einem Set geführt werden, dann bin ich komplett raus.

Wir erinnern uns: Darem hat irgendwie strenge Eltern, kotzt Glitzer, gehört einer neuen Fischspezies an, und alles, was diesmal zum Worldbuilding eingefallen ist, ist ein saulangweiliges Hochzeits-Setting, in dem ich sämtliche genuine Ideen vermisst habe. Warum haben die Eltern keine Sprechrolle? Wir wissen doch, dass sie mal ein Konzert verlassen haben, als Darem sich verspielt hat. Hier dürfen sie nur nicken. Warum wirkt Jay-Den zuerst wie ein Schluffi, der mühsam von der Handlung mitgezogen wird, um dann doch eine perfekte Rede zu halten? Warum wirken die Rituale alle so irdisch? Und warum sieht das Ganze aus wie Vulkan mit Stranddeko? Und überhaupt: Warum laufen da alle rum wie Menschen? Das sollen doch Fische sein. Die Dialoge zwischen Darem und seiner Frau waren mir egal. Jay-Den irgendwie auch. Das hat für mich überhaupt nicht funktioniert.

Genauso wenig wie die zweite Handlung. Oder die erste? Man weiß es nicht. Die spielt auf der Athena. Die Kadettinnen und Kadetten bekommen frei, ein Monat ist seit der letzten Folge vergangen. Caleb hat immer noch keinen Kontakt zu Tarima. Also führt die Folge natürlich dahin, dass er wächst, sich weiterentwickelt und ihr am Ende einen perfekten Brief schreibt und sich meldet. Wobei ich seine erste Version herrlich schräg, unbeholfen und ein bisschen witzig fand. Immerhin. Und wir erfahren, dass Genesis auch einen Background hat.

Caleb und Genesis vertreiben sich irgendwie die Zeit, alles fühlt sich sehr teeny an. Wir sehen die Sammlung des Doktors mit Warp-Schnecken und lernen nebenbei, dass Phaser jetzt Betäuben, Töten und Einfrieren können.

Und während sich die Zeit beim Zuschauen schon ziemlich gedehnt hat und ich mir gedanklich bereits diesen Text hier zurechtgelegt habe, fragte ich mich: Warum? Klar, die letzten Folgen haben mir richtig gut gefallen. Irgendwann ist so ein Run vorbei. Aber warum entscheidet man sich ausgerechnet an diesem Punkt der Staffel für so eine uninspirierte Filler-Episode? Es gäbe ja Möglichkeiten, bewusst Tempo rauszunehmen und mit der Lupe auf die Figuren zu schauen: Wie geht es ihnen nach Nustopher und B'Avi? Was hat das mit ihnen gemacht? Wie gehen sie damit um? Vielleicht hat man das ja hier sogar versucht. Aber funktioniert hat's für mich leider gar nicht.

Für mich gab es hier kaum echte Charakterentwicklung. Genesis hat auch Macken, Caleb kann jetzt Briefe schreiben, Jay-Den kann vor Leuten reden, und Darem ist weiterhin einfach Darem in der Academy. Und dabei wussten wir bis zu dieser Folge nicht einmal, dass er sie vielleicht verlassen muss. Das wirkt alles seltsam nachgeschoben.

Umso ärgerlicher, weil die ersten Folgen so schön gezeigt haben, dass die Autorinnen und Autoren eigentlich wissen, wie man mit diesen Figuren umgeht. Das Konzept, ein Jahr Academy erleben, Beziehungen wachsen sehen, Dynamiken beobachten und das folgenübergreifend erzählt, hat ja bisher super getragen. Der Progress hat gestimmt, die Character-Arcs auch. Und dann so was.

Mir fehlt gerade die Fantasie und ehrlich gesagt auch die Energie mir zu überlegen, ob diese Folge in den verbleibenden Episoden noch irgendeinen Impact haben wird.

Ein Lichtblick war Reno, die sich den Zeh gebrochen hat und herrlich monologisiert. Dafür gibt’s dann doch noch einen Stern.

Foto: Brooke Palmer/Paramount+

Meta, Moral und Miyazaki

Meta, Moral und Miyazaki

Ich wüsste nicht, wann Star Trek zuletzt so selbstkritisch mit seinem eigenen Konzept umgegangen ist. Und das ausgerechnet in einer Actionfolge, die bei mir so gut funktioniert hat, dass ich sie einfach als Zuschauer erlebt habe und nicht als jemand, der danach noch schnell einen Blog-Beitrag darüber schreiben will. Ich spreche von Folge 6 „Come, Let's Away“ von Starfleet Academy.

Tom von TrekCulture ist daran auch ein bisschen schuld, weil ich vorher sein Video über die visuelle Entwicklung von Star Trek gesehen habe. Dadurch haben die kammerspielartigen Szenen mit Nalah Ake und Nustopher Braka in Akes Büro bei mir richtig gezündet. Ein Kammerspiel, das auch als solches inszeniert wurde. Vertrauen in Dialoge statt hektischer Schnitte, wilder Perspektivwechsel oder Zoom-Overkill. Die Macherinnen und Macher haben darauf vertraut, dass die Gespräche tragen. Und das tun sie defintiv.

Wir bekommen zunächst den psychologischen Schlagabtausch zwischen Braka und Ake, inklusive der Angriffe auf Ake, die offenbar ihr eigenes Kind opfern musste. Dann dreht sich das Ganze. Ake kontert, entlarvt Nustopher und zerlegt seine Narrative. Und trotzdem bleibt dieses Gefühl, dass da noch etwas kommt.

Und dann die Holonachricht am Ende. Der Bösewicht, der gewonnen hat. Und plötzlich stellt er die zentrale Frage. Wie hoch sind die Ideale der Föderation wirklich, wenn Lebensentwürfe wie seiner als „Low Lifes“ abgestempelt werden? Wie tolerant ist man wirklich?

Er sagt, dass er sie hasst und gleichzeitig dankbar ist für ihren Einfluss auf sein Leben. Und in diesem Moment schwingt auf einmal alles mit, was die Staffel bisher aufgebaut hat. Die zögernden Betazoiden als wiederaufgenommene Mitglieder. Der klingonische Kadett, der den anderen Nachhilfe in interkultureller Kompetenz geben musste. Die Föderation, die sich selbst als moralischen Maßstab begreift, aber nicht immer merkt, wenn sie anderen ihre Werte überstülpt. Selbst die scheinbar simplen Hilfsaktionen wie Dilithiumlieferungen bekommen plötzlich einen Beigeschmack. Hilfe, die bestehende Machtstrukturen destabilisiert, ohne sie wirklich zu verstehen.

Parallel dazu gibt es noch das Miyazaki-Comic, dessen großer Fan ausgerechnet der Vulkanier B’avi ist. Caleb bezeichnet die Reihe als Feelgood-Propaganda, die Kolonialismus, Föderation und Starfleet in ein gutes Licht rückt. Eine Star-Trek-Serie innerhalb von Star Trek. Und die Uniformen im Comic! Ich liebe sowas. Meta geht bei mir immer.

Und genau das ist ja auch ein Vorwurf, den man Star Trek immer mal wieder gemacht hat. Dieses leicht missionarische „Wagon Train to the Stars“-Gefühl, das schon der große Gene Roddenberry selbst beschrieben hat. Die Idee, dass die Ideale der empathischen, toleranten Föderation universell richtig sind, egal für welche Spezies oder Kultur. Die Klingonen haben diese Angst in der Staffel gespiegelt. Die Angst vor kultureller Assimilation.

Man kann das als zeitlosen Konflikt lesen. Moralischer Universalismus gegen kulturelle Selbstbestimmung. Zwischen „Wir meinen es gut“ und „Ihr hört uns nicht zu“.

Ich weiß nicht, ob B’avi, der Spock zitiert, genau darauf abzielt. Das Wohl vieler wiegt schwerer als das Wohl weniger. Klar, das ist ein vulkanisches Prinzip. Aber es ist eben auch der utilitaristische Kern, der Star Trek immer wieder heimsucht. Und ganz ehrlich: Viele Fans sprechen das einfach nach, unreflektiert. Aber das wollen wir nicht. Wir wollen kein reines Nutzenkalkül, wir wollen Kant. Würde, die nicht verrechnet wird.

Und genau das macht die Folge so stark. Sie bringt Utilitarismus gegen Deontologie nicht als Seminar, sondern als Drama. Nicht als Theorie, sondern als Charakterkonflikt. Und plötzlich fühlt sich Starfleet Academy stellenweise mehr nach Deep Space Nine an als nach Planet-of-the-Week.

Ich finde es großartig, dass diese Folge gleichzeitig ein moralischer Kommentar und ein Meta-Moralkommentar ist. Und dass dieses Kammerspiel von so starken Schauspielerinnen und Schauspielern getragen wird. Da sitzt alles. Und Paul Giamatti als Bösewicht … Wow! Einfach nur großartig, passt für mich perfekt.

Aber auch die Actionsequenzen auf der Miyazaki haben für mich funktioniert. Ich liebe es, wenn Autorinnen und Autoren bereit sind, Dinge zu riskieren, um zu zeigen, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Und ich mag es gleichzeitig überhaupt nicht, weil es dann weh tut, wenn es eskaliert.

Ja, man konnte sehen, dass für die Miyazaki teilweise das Enterprise-Brückenset herhalten musste. Aber ganz ehrlich. Immer noch besser als sterile LED-Wand-Ästhetik. Das hier hatte Raum und Textur. Ich war drin und nicht wieder draußen, wie es bei den LED-Stages leider oft passiert.

Und dann noch ein Detail, das ich erst hinterher richtig gemerkt habe. Die Lösung entsteht im Team. Nicht durch einen Genius-Move einer Einzelperson, sondern durch gemeinsames Denken. Klassische Trek-DNA. Und ich habe erst in dem Moment gemerkt, wie sehr ich genau das vermisst habe.

5 von 5 Sternen. Schon wieder.

Foto: Paramount+