Im Jahr 1991 galt es in Cambridge noch als absolute Innovation, aus rein egoistischen Gründen die Kaffeemaschine im Nachbarraum abzufilmen. Zwei Jahre später konnte jeder Internetnutzer live verfolgen, wer den letzten Tropfen aus der Kanne genommen und keinen neuen aufgesetzt hat.
Heutzutage lächeln wir darüber. Die Intention bleibt aber verständlich: Bequemlichkeit hat für die Erfindung der ersten Webcam gesorgt – gepaart mit der Sorge, aufzustehen und nur noch den Kaffeesatz in der Kanne vorzufinden. Heute bräuchte solch ein Internetdienst mehr, um erfolgreich zu sein. Zum Beispiel eine Abstimmfunktion, wer die nächste Kanne aufsetzen soll. Mit einer zusätzlichen Benachrichtigung in Facebook: „Ihre lieben Kollegen haben entschieden, dass Sie neuen Kaffee kochen müssen“. So ist das Internet jetzt.
Mit schnöden Kaffeemaschinen alleine lässt sich nur noch wenig Geld verdienen. Mit Nutzerdaten schon. Mag der Nutzer überhaupt Kaffee? Welche Sorte? Können wir da gleich passende Werbung anbieten? Der Markt für diese Informationen ist heiß umkämpft.
Die größten Unternehmen, die derzeit um die Gunst der Nutzer buhlen sind Facebook und Google. Und da überrascht es auch nicht , dass Google jetzt einen Facebook-Konkurrenten auf den Markt der sozialen Netzwerke gebracht hat. „Google+“ heißt der Dienst und ist seit gut einer Woche online.
Überraschend an der Sache ist vielmehr: Die Nutzer mögen ihn. Aufgeräumt kommt er daher, technisch auf dem neuesten Stand und ganz ohne nervige Horoskop-Meldungen oder Fragen, die ein Freund über einen anderen Freund beantwortet hat. Aber ob er sich ebenso erfolgreich wie Facebook entwickeln wird? Das käme Kaffeesatzleserei gleich.
Originalveröffentlichung beim Göttinger Tageblatt
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