Meine Nachbarin Sarah ist internetsüchtig. Große Worte aus dem Munde eines Netzbewohners, ich weiß. Aber sie ist es. Und Sarah ist nicht mehr glücklich darüber. „Ich komme zu nichts mehr“, hat sie mir einmal abends gebeichtet. „Es ist zum Haareraufen“. Das es ihr so geht, war mir schon vorher klar. Das liegt nicht an meiner guten Menschenkenntnis, sondern daran, dass sie das eine halbe Stunde zuvor auf Facebook gepostet hat. Sarah postet nämlich alles. Sie schreibt, dass sie bald einkaufen muss, und was sie im Laden erlebt: „Die Kassiererin war so unfreundlich! Hat überhaupt nicht gelächelt. Gefällt mir GAR NICHT.“ Schlichtweg: Jede noch so uninteressante Kleinigkeit. Aus dem wortreichen Gespräch ist mir folgender Satz hängengeblieben: Sie komme nicht mehr von Facebook los, weil sie Angst habe „etwas zu verpassen“.
Facebook, der Zeit-Killer? Aufschieberitis nannte man es früher, Prokrastination heute. Die Gründe am Prokrastinieren liegen in der unbändigen Informationsflut, an der auch Sarah schuld ist. Überfordert das? Macht es uns gar dümmer? Mitnichten! Ich möchte hier eine Lanze brechen. Und zwar für das gepflegte Päuschen!
Wenn sich mein alter Freund Konstantin an seine Studienzeit zurückerinnert, dann sagt er: „Die Lernpausen waren das beste!“ Da konnte er versuchen, ich zitiere jetzt mal indirekt, Frauen von sich zu überzeugen. Und ganz unterbewusst habe sich der Lerninhalt gefestigt, behauptet er.
Mir geht es da ähnlich. Sich ein paar Augenblicke in das Informations-Tohuwabohu zu stürzen, zu gucken, was es bei den Freunden neues gibt, ist doch toll! Während diese Kolumne entstanden ist, habe ich übrigens einer Kollegin auf Facebook geantwortet, mir zwei Artikel bei Twitter markiert und vier E-Mails bekommen. Ach, und Sarah ist wieder einkaufen, schreibt sie. Es gibt Sauerkraut-Lasagne.
© Göttinger Tageblatt
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