Wie für mich gemacht und deshalb schwierig
Mit der vierten Starfleet-Academy-Folge „Vox in Excelsis“, lief nun die erste Episode, die nach Classic-Trek-Mechaniken funktioniert. Angefangen beim lateinischen Titel mit einem "Vox" im Tteil (das mögen die Autor*innen!), über den Debattierwettbewerb, in dem der Doktor Satie aus „The Drumhead“ falsch zitiert, bis hin zum philosophischen Pendel, das klar zwischen Utilitarismus und Deontologie hin und her schwingt. Und natürlich das Klingonen-Theme von Jerry Goldsmith aus „The Motion Picture“.
Es war fast so, als wäre diese Folge für mich geschrieben worden. Und genau das ist mein Problem damit. Denn dadurch wirkt es, als würden Tonalität und ästhetische Entwicklung der vorherigen Episoden schlicht übersprungen. Als hätte man sich entschieden, von jetzt auf gleich voll auf Classic-Trek zu gehen, ohne den erzählerischen Übergang mitzunehmen. Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich schade für die, die vielleicht neu eingestiegen sind.
Kurz zur Handlung: Die Athena ist im All unterwegs und ein Debattierwettbewerb steht an. Jay-Den erfährt, dass seine Eltern bei einem Unfall möglicherweise ums Leben gekommen sind. Gleichzeitig erfahren wir, dass die klingonische Heimatwelt infolge des Burns zerstört wurde, über den ich hier wie auch schon in den vorherigen Folgenbesprechungen nicht weiter schreiben werde.
In der Diaspora haben sich die Klingonen noch stärker auf ihre Tradition als ehrenhafte Kriegergesellschaft zurückgezogen. Ein neues Zuhause können sie sich nur sichern, indem sie einen kurzen und verlustfreien Schaukampf gegen Starfleet bestehen, denn ein Planet, der ihnen geschenkt würde, käme einer Ehrverletzung gleich. Am Ende wird Jay-Den als Krieger geehrt und darf endlich seinen pikanten Krieger-Eintopf essen.
Was mich freut, weil ich weiß, dass es andere ärgert
- Der vermutlich neue Kanzler der Klingonen ist weiß. Und Klingonen müssen doch schwarz sein!!!eins11!
- Captain Ake fletzt wieder auf Stühlen.
- Die Heimatwelt der Klingonen wurde zerstört.
- Der Doktor flucht.
- Das Vogelbeobachten aus Episode 1 von Jay-Den ergibt plötzlich Sinn.
- Die USS Riker ist ein sehr kleines, vermutlich aber extrem tapferes Schiff.
- Männer dürfen sich mental durch Körperkontakt unterstützen.
- Jay-Den hat zwei Väter.
- Lura Thok hat einen Jem’Hadar-Vater und eine klingonische Mutter. Ich glaube, das triggert zuverlässig jedes Mal irgendwen, sobald es erwähnt wird.
Was mich ärgert, weil es zu viel Lore ist
Diese Folge verlangt sehr viel Vorwissen, wenn die Serie tatsächlich für eine neue Zuschauerschaft geschrieben sein soll. Allein Begriffe wie Qo’noS, Kahless oder klingonische Häuser sind bereits eine ordentliche Einstiegshürde. Natürlich ist klar, dass Jay-Den anders ist als andere Klingonen. Das haben die Autorinnen und Autoren in den vorherigen Episoden gut über die Reaktionen der anderen Kadettinnen und Kadetten etabliert. Aber hier wird plötzlich die komplette Moore-Lore ausgepackt. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht schnell überfordernd und damit im schlimmsten Fall auch langweilig wirkt.
Was mich freut, weil Star Trek das selten so gemacht hat
Der dramaturgische Aufbau der Episode ist handwerklich einfach sehr gut. Die Rückblenden erfüllen hier tatsächlich eine narrative Funktion, statt nur illustrativ Figurentiefe nachzureichen.
Wir sehen zunächst den tragischen Tod von Jay-Dens Bruder, der bis in die Gegenwart hinein seine Beziehungen zu anderen Figuren prägt. Danach die Krieger- und Jagdtraditionen. Und schließlich den Vater-Twist: Bei der Jagd verfehlt der Vater bewusst den Vogel mit dem Bogen. Nicht aus Enttäuschung oder Wut darüber, dass Jay-Den sich der Jagd verweigert, wie Jay-Den und auch ich zunächst annehmen. Sondern als stilles Eingeständnis, dass Jay-Den seinen Kampf gewonnen hat und dass sein Vater den Weg seines Sohnes als Heiler und nicht als Krieger akzeptiert. Großartig.
Normalerweise funktionieren Rückblicke in Star Trek eher funktional. Es wird schnell etwas Backstory eingebaut, damit zukünftige Entscheidungen emotional besser untermauert sind. Das ist mir oft zu wenig. Starfleet Academy schafft hier mehr. Rückblenden, die Bedeutung erzeugen, statt sie nur zu behaupten.
Auch Jay-Dens Einordnung als besserwisserischer und für mich durchaus unsympathischer Know-it-all im Debattierwettbewerb fand ich erzählerisch stark. Ich finde es weiterhin etwas ungelenk, ihn plötzlich als Starfleet-Rechtsexperten zu inszenieren, der sich das angeblich alles im Gefängnis angeeignet hat. Aber die emotionale Motivation dahinter funktioniert. Diese Leere, das Fehlen von Tradition, und das Gespräch, in dem Jay-Den ihm genau das vorwirft, entwickeln die Figur weiter.
Alles in allem gebe ich der Folge deshalb die volle Punktzahl. Die Lösung lag zwar auf der Hand, war aber genau das, weshalb ich Star Trek früher so gern geschaut habe. Empathisch, lösungsorientiert, mit einer kleinen Prise Originalität. Die Folge fühlt sich an, als wäre sie für mich gemacht. Und genau deshalb bin ich gleichzeitig begeistert und ein wenig traurig.
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