Meta, Moral und Miyazaki

Meta, Moral und Miyazaki

Ich wüsste nicht, wann Star Trek zuletzt so selbstkritisch mit seinem eigenen Konzept umgegangen ist. Und das ausgerechnet in einer Actionfolge, die bei mir so gut funktioniert hat, dass ich sie einfach als Zuschauer erlebt habe und nicht als jemand, der danach noch schnell einen Blog-Beitrag darüber schreiben will. Ich spreche von Folge 6 „Come, Let's Away“ von Starfleet Academy.

Tom von TrekCulture ist daran auch ein bisschen schuld, weil ich vorher sein Video über die visuelle Entwicklung von Star Trek gesehen habe. Dadurch haben die kammerspielartigen Szenen mit Nalah Ake und Nustopher Braka in Akes Büro bei mir richtig gezündet. Ein Kammerspiel, das auch als solches inszeniert wurde. Vertrauen in Dialoge statt hektischer Schnitte, wilder Perspektivwechsel oder Zoom-Overkill. Die Macherinnen und Macher haben darauf vertraut, dass die Gespräche tragen. Und das tun sie defintiv.

Wir bekommen zunächst den psychologischen Schlagabtausch zwischen Braka und Ake, inklusive der Angriffe auf Ake, die offenbar ihr eigenes Kind opfern musste. Dann dreht sich das Ganze. Ake kontert, entlarvt Nustopher und zerlegt seine Narrative. Und trotzdem bleibt dieses Gefühl, dass da noch etwas kommt.

Und dann die Holonachricht am Ende. Der Bösewicht, der gewonnen hat. Und plötzlich stellt er die zentrale Frage. Wie hoch sind die Ideale der Föderation wirklich, wenn Lebensentwürfe wie seiner als „Low Lifes“ abgestempelt werden? Wie tolerant ist man wirklich?

Er sagt, dass er sie hasst und gleichzeitig dankbar ist für ihren Einfluss auf sein Leben. Und in diesem Moment schwingt auf einmal alles mit, was die Staffel bisher aufgebaut hat. Die zögernden Betazoiden als wiederaufgenommene Mitglieder. Der klingonische Kadett, der den anderen Nachhilfe in interkultureller Kompetenz geben musste. Die Föderation, die sich selbst als moralischen Maßstab begreift, aber nicht immer merkt, wenn sie anderen ihre Werte überstülpt. Selbst die scheinbar simplen Hilfsaktionen wie Dilithiumlieferungen bekommen plötzlich einen Beigeschmack. Hilfe, die bestehende Machtstrukturen destabilisiert, ohne sie wirklich zu verstehen.

Parallel dazu gibt es noch das Miyazaki-Comic, dessen großer Fan ausgerechnet der Vulkanier B’avi ist. Caleb bezeichnet die Reihe als Feelgood-Propaganda, die Kolonialismus, Föderation und Starfleet in ein gutes Licht rückt. Eine Star-Trek-Serie innerhalb von Star Trek. Und die Uniformen im Comic! Ich liebe sowas. Meta geht bei mir immer.

Und genau das ist ja auch ein Vorwurf, den man Star Trek immer mal wieder gemacht hat. Dieses leicht missionarische „Wagon Train to the Stars“-Gefühl, das schon der große Gene Roddenberry selbst beschrieben hat. Die Idee, dass die Ideale der empathischen, toleranten Föderation universell richtig sind, egal für welche Spezies oder Kultur. Die Klingonen haben diese Angst in der Staffel gespiegelt. Die Angst vor kultureller Assimilation.

Man kann das als zeitlosen Konflikt lesen. Moralischer Universalismus gegen kulturelle Selbstbestimmung. Zwischen „Wir meinen es gut“ und „Ihr hört uns nicht zu“.

Ich weiß nicht, ob B’avi, der Spock zitiert, genau darauf abzielt. Das Wohl vieler wiegt schwerer als das Wohl weniger. Klar, das ist ein vulkanisches Prinzip. Aber es ist eben auch der utilitaristische Kern, der Star Trek immer wieder heimsucht. Und ganz ehrlich: Viele Fans sprechen das einfach nach, unreflektiert. Aber das wollen wir nicht. Wir wollen kein reines Nutzenkalkül, wir wollen Kant. Würde, die nicht verrechnet wird.

Und genau das macht die Folge so stark. Sie bringt Utilitarismus gegen Deontologie nicht als Seminar, sondern als Drama. Nicht als Theorie, sondern als Charakterkonflikt. Und plötzlich fühlt sich Starfleet Academy stellenweise mehr nach Deep Space Nine an als nach Planet-of-the-Week.

Ich finde es großartig, dass diese Folge gleichzeitig ein moralischer Kommentar und ein Meta-Moralkommentar ist. Und dass dieses Kammerspiel von so starken Schauspielerinnen und Schauspielern getragen wird. Da sitzt alles. Und Paul Giamatti als Bösewicht … Wow! Einfach nur großartig, passt für mich perfekt.

Aber auch die Actionsequenzen auf der Miyazaki haben für mich funktioniert. Ich liebe es, wenn Autorinnen und Autoren bereit sind, Dinge zu riskieren, um zu zeigen, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Und ich mag es gleichzeitig überhaupt nicht, weil es dann weh tut, wenn es eskaliert.

Ja, man konnte sehen, dass für die Miyazaki teilweise das Enterprise-Brückenset herhalten musste. Aber ganz ehrlich. Immer noch besser als sterile LED-Wand-Ästhetik. Das hier hatte Raum und Textur. Ich war drin und nicht wieder draußen, wie es bei den LED-Stages leider oft passiert.

Und dann noch ein Detail, das ich erst hinterher richtig gemerkt habe. Die Lösung entsteht im Team. Nicht durch einen Genius-Move einer Einzelperson, sondern durch gemeinsames Denken. Klassische Trek-DNA. Und ich habe erst in dem Moment gemerkt, wie sehr ich genau das vermisst habe.

5 von 5 Sternen. Schon wieder.

Foto: Paramount+

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