„Beta Test“ ist nicht ganz so stark wie der Auftakt, trotzdem absolut sehenswert
Als jemand, der Star Trek seit Jahrzehnten wirklich liebt, habe ich trotzdem schon vor Jahren (ich meine sogar im Podcast) gesagt, dass ich mich mit dem Label „Trekkie“ schwertue. Nicht, weil ich mich irgendwie von Star Trek abgrenzen will, im Gegenteil: Ich bin da emotional voll committet. Aber, das Fandom hat eben auch eine Seite, die so toxisch sein kann, dass ich mich darin nicht wohlfühle. Und ja: Es gibt in Deutschland zum Glück genug gute Ecken: Podcasts, Communitys, Nerd-Bubbles, in denen man sich über Star Trek austauschen kann, ohne sofort mit irgendwelchen Kulturkampf-Begriffen beworfen zu werden. Aber wenn ich mir anschaue, wie auf Reddit oder YouTube teilweise über die zweite Episode von Starfleet Academy hergezogen wird, dann denke ich mir: Ich will mit diesem „Hate als Grundhaltung“ einfach nichts zu tun haben.
Und genau das ist schade, weil die Episode, auch wenn sie für mich nicht ganz die Wucht des Staffelauftakts hat, inhaltlich ein paar spannende Pflöcke einschlägt. Sie zeigt sehr klar, was diese Serie sein könnte: nicht nur „Young Adult im Star-Trek-Universum“, sondern eine Staffel, die die junge Erwachsene als Thema ernst nimmt. Und das ist, ehrlich gesagt, ziemlich geil.
Warum ich Episode 2 schwächer finde als den Auftakt – und warum mich das trotzdem interessiert
Ich fand „Beta Test“ insgesamt nicht ganz so stark wie den Auftakt. Das liegt bei mir vor allem an der politischen Rahmung. Man spürt relativ deutlich, dass vieles davon in einer sehr konkreten US-Gegenwart geschrieben wurde: „America First“, Isolationismus, diese (manchmal etwas didaktische) Angst vor Rückzug, Abschottung, nationaler Selbstbespiegelung. Und wenn man sich vergegenwärtigt, dass das alles in Trumps erster Amtszeit geschrieben und auch produziert wurde, dann wirkt die Allegorie stellenweise wie ein Zeitkapsel-Reflex: nachvollziehbar, aber dramaturgisch nicht immer elegant.
Das ist nicht per se schlecht. Star Trek war immer schon eine Allegorie-Maschine. Aber hier ist die Übersetzung ins Dramatische manchmal einen Tick zu direkt, das war auch schon das Problem bei Discovery bei der Darstellung der isolatorischen Ist-Situation der Erde nach dem Burn. Die Pilotfolge hatte im Vergleich mehr Drive, mehr rhythmische Selbstverständlichkeit. „Beta Test“ wirkt für mich eher wie eine Episode, die ihr Thema sichtbar auf den Tisch legt und dann drumherum arrangiert, statt es organisch aus der Figurenlogik entstehen zu lassen.
Und trotzdem: Ich bleibe dran, weil genau in dieser Episode etwas passiert, das ich als langfristigen Staffel-Ansatz lese.
Die eigentliche Ansage der Episode: Jung Adults nicht nur als Zielgruppe, sondern als Thema
Was mich wirklich gepackt hat, ist der Perspektivwechsel auf die Kadetten. In „altem“ Star Trek waren Kadetten oft ein Mittel zum Zweck: Plotdevice, Gastrollen-Setting, Coming-of-Age-Folge hier, „Academy“-Backdrop dort. Selbst wenn die Academy auftauchte, war sie selten die emotionale und narrative Zentralperspektive. Die Figuren, die wirklich zählten, saßen üblicherweise auf der Brücke, in der Führungsebene, in der Entscheidungs- und Handlungsmacht.
Starfleet Academy dreht das um. Also ein bisschen. Und zwar nicht nur, indem sie junge Figuren zu Hauptrollen macht (das wäre die offensichtliche „Young Adult“-Schublade), sondern indem sie ein sehr Star-Trek-typisches Thema an diese Figuren knüpft: Wer wird eigentlich gehört? Wer wird ernst genommen? Wer bekommt institutionell eine Stimme? In dieser Episode fühlt es sich so an, als würde die Staffel sagen: „Wir schauen uns jetzt mal die jungen Leute an. Und zwar nicht als Marketingzielgruppe, sondern als gesellschaftliches und politisches Thema.“
Das ist ein riesiger Unterschied. Plötzlich sind die Kadetten nicht nur „die jungen Leute“, sondern sie werden als Subjekte inszeniert: mit eigener Wahrnehmung, eigener Verletzbarkeit, eigener Kompetenz und vor allem mit Relevanz für Entscheidungen, die sonst „die Großen“ treffen.
Und das zahlt für mich auch auf einen zweiten Punkt ein, der sich fast wie eine bewusste Rückbindung an klassische Trek-DNA anfühlt:
Betazoiden: Von Telepathie zu Empathie – ein Kanonbruch oder ein bewusstes Reframing?
Der andere große Diskussionspunkt, und natürlich wird darüber gestritten, weil das im Trek-Fandom ungefähr so zuverlässig kommt wie ein roter Alarm, ist Betazed bzw. die Betazoiden. Und hier ist es interessant, dass die Serie sie zumindest bisher nicht mehr primär als telepathische Spezies inszeniert, sondern stärker als empathisch. Das ist eine Verschiebung, die man nicht kleinreden muss: Telepathie ist in der Trek-Ikonografie ein ziemlich klarer Marker. Wenn daraus „Empathie“ wird, verändert das den gesamten semantischen Rahmen: weg von „Gedankenlesen“, hin zu „Stimmungswahrnehmung“.
Und ehrlich: Ich finde das erstmal nicht schlimm. Warum? Weil Telepathie oft eine erzählerische Abkürzung ist. Sie kann elegant sein, aber sie ist auch gefährlich als Plotwerkzeug, weil sie Konflikte zu schnell löst oder zu beliebig macht. Empathie dagegen ist filmisch und dramaturgisch häufig interessanter, weil sie ambivalenter ist. Deshalb war ja Deanna Troi als Halb-Betazoidin bei TNG keine Telepathin, sondern „nur“ eine Empathin. Denn: Empathie kann täuschen. Sie kann überfordern. Sie kann politisch instrumentalisiert werden. Sie kann auch zur Last werden, gerade bei jungen Figuren.
Wenn die Serie das bewusst macht, also Betazoiden als Spezies nicht darüber definiert, sich in fremden Köpfen umzuschauen und Dialoge führen zu können, ohne die Lippen (oder die Hände!) bewegen zu müssen, dann kann das ziemlich gut zu diesem ganzen Staffelthema "junge Leute ernst nehmen“ passen.
Und, ja: „Aber Kanon!" Kanon-Änderungen lösen immer reflexhafte Diskussionen aus. Das ist bei Star Trek wirklich Tradition. Aber hier kommt noch dazu, dass die Serie ja vielleicht eine Brücke anbietet: Wenn Tarima einen Neuroinhibitoren tragen muss aus Gründen, ist es völlig plausibel, dass telepathische Fähigkeiten unterdrückt oder nur fragmentarisch zugänglich sind. Und ob Präsident Sadal, dessen Schauspieler Anthony Natala übrigens auch taub ist, seine Gebärdensprache vorlesen lässt oder halt selbst über Theleopatie-Vodoo generiert, ist ja auch noch nicht klar. Ich finde, dadurch kann die Serie Empathie als erste Lesart etablieren und Telepathie später wieder zuschalten, oder auch nicht. Mir ist das tatsächlich ncith so wichtig.
Was mich eher interessiert als das „Dürfen die das?“ ist die Frage: Was gewinnen sie erzählerisch dadurch? Und aktuell sieht es so aus, als gewinnen sie eine feinere, psychologischere Erzählfläche.
Holly Hunter als Captain: weiblicher Führungsstil – und warum genau das manchen so weh tut
Und dann ist da Captain Ake. Da wird’s für mich fast schon unerquicklich, weil ich wirklich nicht verstehen will, wie man sich als sogenannte Fans so daran abarbeiten kann. Holly Hunter spielt diese Captain nicht als „Picard 2.0“, nicht als ikonische Statue auf dem Captain’s Chair, sondern als Figur mit einem Führungsstil, der spürbar anders codiert ist: körperlicher, näher dran, weniger „heroischer Stand“, mehr „situatives Einpassen“. Sie sitzt anders, nein, sie fläzt, sie bewegt sich anders. Sie läuft barfuß herum. Und ich liebe das, weil es die Körpersprache dieser Figur radikal entritualisiert. Star Trek hat oft sehr stark über Uniform, Pose, Präsenz geführt, das ist Teil seiner Ikonografie. Wenn eine Captain-Figur das unterläuft, ist das eine bewusste Setzung: Autorität muss nicht immer über starre Form hergestellt werden.
Was mich dabei nicht loslässt, ist der historische Kontrast: Kate Mulgrew hatte in den 90ern reale Kämpfe hinter den Kulissen bis hin zu sexistischen Debatten darüber, wie feminin ihre Captain Janeway sein „darf“, weil man Angst hatte, männliche Zuschauer würden sonst abspringen. Und jetzt zu sehen, wie eine Serie Jahrzehnte später eine Captain-Figur hinsetzt, die ohne Rechtfertigung feminin codiert führen darf, ohne dass die Serie daraus eine „Issue Episode“ machen muss. Toll!
Und genau diese Selbstverständlichkeit ist offenbar das, was toxische Fans als Angriff erleben, weil ihre eigene Erwartungsästhetik gestört wird: „So hat Captain zu sein.“ Und wenn dann eine Figur kommt, die das nicht erfüllt, wird das nicht als Variation gelesen, sondern als Provokation. Da spielt ganz viel fragiles Männlichkeitsgefühl rein, ganz viel Besitzanspruch auf kulturelle Symbole: „Star Trek gehört uns und muss so bleiben, wie wir es als cool abgespeichert haben.“ Und das ist, ehrlich gesagt, der Punkt, an dem ich mich wieder daran erinnere, warum ich mich mit dem Label „Trekkie“ unwohl fühle.
Dramaturgische Holperer: Konflikte, die zu schnell kommen und gehen
Natürlich ist nicht alles Gold. Manche Konflikte wirken in "Beta Test" etwas „gebaut“. Bestimmte Spannungen entstehen sehr schnell, eskalieren sofort und lösen sich dann wieder recht zügig auf – das fühlt sich manchmal nach Writers’ Room-Mechanik an: Man braucht an dieser Stelle einen Konfliktbeat, also bekommt man ihn, auch wenn die emotionale Ökonomie der Figuren ihn nicht ganz trägt. Ich spreche hier vom Konflikt Caleb/Tarima und dem Space Wall von Betazed.
Aber: Das ist bei vielen Serien so, gerade am Anfang, wenn ein Ensemble noch in Stellung gebracht wird. Und ich habe lieber eine Serie, die manchmal etwas zu sichtbar konstruiert, aber dafür thematisch mutig ist, als eine Serie, die glatt durchläuft und nichts riskiert.
Das War-College-Setting: Debatte als Star-Trek-Ästhetik
Das War-College-Setting ruft natürlich sofort Assoziationen hervor. Klar, man denkt an „Häuser“, an „Schulen“, an YA-Genre-Codes. Aber für mich ist entscheidend, dass die Serie das Setting nicht nur als Kulisse für Rivalitäten nutzt, sondern als Bühne für etwas, das Star Trek traditionell stark macht: Debatte, Diskurs, Aushandlung.
Wenn Verhandlungen, politische Entscheidungen und kulturelle Konflikte in einem akademischen/ausbildungsbezogenen Format stattfinden, ist das mehr als ein YA-Trick: Wir erzählen politische Bildung, Verantwortung und Entscheidungskompetenz als etwas, das gelernt und emotional ausgehalten werden muss. Und das wiederum passt perfekt zu diesem Staffel-Gedanken: Junge Leute werden nicht als „noch nicht fertig“ dargestellt, sondern als „gerade im Entstehen von Verantwortung“.
Und genau deshalb fühlt es sich für mich eben nicht so an, als wäre das „nur für Young Adults“, obwohl es manchmal doch etwas danach riecht. Es ist eher: Die Serie nutzt die YA-Perspektive, um ein Thema zu erzählen, das universell ist – und das in der Gegenwart sogar extrem brisant wirkt: Wer hört eigentlich auf die jungen Erwachsenen? Wer nimmt ihre Angst ernst? Wer baut Strukturen, in denen sie nicht nur funktionieren, sondern wachsen können?
Wenn das wirklich der Staffel-Rote-Faden wird, dann bin ich sowas von dabei.
Fazit: Nicht ganz so stark wie "Kids These Days", aber thematisch ein dickes Ausrufezeichen
Unterm Strich bleibe ich dabei: "Beta Test" ist für mich nicht ganz so rund und nicht so energetisch wie der Auftakt. Die politische Allegorie wirkt stellenweise etwas zeitgebunden, manche Konflikte sind dramaturgisch ein bisschen zu schnell montiert.
Aber gleichzeitig macht die Folge etwas, das ich hoch anrechne: Sie setzt thematisch eine Agenda. Sie stellt Kadetten ins Zentrum, nicht wie früher als Nebenschauplatz. Sie reframed Betazoiden (vorerst) von Telepathie zu Empathie, was erzählerisch klug sein kann, gerade mit dem Inhibitoren-Setup. Und sie gibt uns mit Holly Hunter eine Captain-Figur, deren weiblicher Führungsstil nicht als „Statement-Episode“, sondern als Normalität erzählt wird.
Ich lande damit immer noch bei sehr soliden 4 von 5 Sternen. Es ist nicht alles perfekt, aber ich habe das Gefühl: Hier kann sich was aufbauen. Und wenn ein Thema wirklich lautet „Wir nehmen die jungen Leute ernst“, als Figuren, als moralische Instanz, als Zukunft, dann ist das für mich nicht nur okay, sondern richtig geil.
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