Als ich von Patrick Stewarts Tod erfahren habe, war ich gerade auf TikTok unterwegs. So eine dieser Meldungen, bei denen ich erst mal denke: Ja, klar. Wieder irgendeine Arschgeige, die einen Menschen für ein paar Aufrufe für tot erklärt. Ich habe nachgesehen. Diesmal stimmte es.
Und dann saß ich da mit ziemlich feuchten Augen.
Das hat mich ein bisschen überrascht. Ich habe diesen Mann nie getroffen, nie ein Autogramm geholt. Interviews habe ich mir angesehen, wenn ich auf welche gestoßen bin, seine Autobiografie habe ich gehört. Aber ich kannte ihn natürlich nicht. Und die Folgen und die Filme, die sind ja noch da. Ich kann sie jederzeit wieder anschauen. Was genau fehlt mir also?
So kann man also auch sein
Captain Picard war für mich als Kind eine Vaterfigur. Das klingt aufgeschrieben erst mal größer, als es beim Erzählen klingt. Aber ich glaube, es trifft es schon.
Ich möchte mein Elternhaus nicht nachträglich zu einem einzigen Unglück erklären. Wir hatten ein Haus, ich hatte mein eigenes Zimmer, vieles war da. Mit der Kommunikation war es allerdings nicht so, wie ich mir das heute für den Umgang mit einem Kind wünschen würde. Mit meinem Vater hatte ich seit meiner Jugend über viele Jahre keinen Kontakt. Für die Frage, was für ein Mann ich einmal sein könnte, habe ich mich offenbar auch anderswo umgesehen.
Bei Picard zum Beispiel. Bei Peter Lustig. Und bei Armin Maiwald aus der Sendung mit der Maus. Eine etwas ungewöhnliche Runde, wenn man sie so nebeneinanderstellt. Aber für mich passt das ziemlich gut zusammen.
Da waren Männer, denen ich gerne zugehört habe. Bei denen Neugier etwas Schönes war und die sich Zeit für einen Gedanken nehmen konnten. Und auf der Enterprise gab es einen Captain, der einen Konflikt nicht schon deshalb gewonnen hatte, weil er am Ende der Stärkere war.
Natürlich konnte Picard Befehle geben. Er war schließlich der Captain eines Raumschiffs und nicht die Moderation einer Arbeitsgruppe. Trotzdem konnte er zuhören, sich etwas erklären lassen und seine Entscheidung begründen. Man musste offenbar nicht am Fußballplatz stehen, dumme Sprüche machen und aus jeder Auseinandersetzung als Sieger hervorgehen, um als Mann durchzugehen.
So ging das also auch.
Ein Raumschiff voller Leute, die miteinander arbeiten können
Am Freitag haben wir noch einmal alte Folgen geschaut, unter anderem die Geschichte mit den Borg und Picards Assimilation. Und ja, manches sieht heute nach ziemlich altem Fernsehkram aus. Die Effekte und auch die Kulissen haben ihre Jahre auf dem Buckel. Das lässt sich auch mit sehr viel Zuneigung nicht wegdiskutieren.
Was mich beim Wiedersehen beschäftigt hat, war ohnehin die Art, wie die Menschen auf diesem Schiff miteinander umgehen.
Wir schauen gerade auch andere Serien, die ich wirklich gerne mag, etwa 9-1-1 und The Lincoln Lawyer. Da entstehen viele Geschichten daraus, dass Menschen Geheimnisse haben, einander etwas verschweigen oder nicht miteinander reden. Das kann großartiges Fernsehen sein. Mir ist beim Wiedersehen mit der Enterprise nur aufgefallen, wie angenehm ich es finde, einer Mannschaft zuzuschauen, die grundsätzlich miteinander arbeiten kann.
Nicht jede Folge löst diesen Anspruch ein. Und ich will aus meiner Erinnerung keine Behauptung machen, früher sei alles besser gewesen. Aber dieses Grundgefühl ist geblieben: Da sitzen Leute zusammen, die etwas können, die sich ernst nehmen und gemeinsam versuchen, ein Problem zu verstehen. Ich habe das im Stream „Kompetenz-Porn“ genannt. Ein bisschen unromantisch für einen Text über ein Kindheitsvorbild, aber nun ja.
Ich mochte auch, wie dort gesprochen wurde. Dass ein Gedanke länger dauern durfte. Dass Sprache etwas konnte. Durch Star Trek habe ich Lust aufs Schreiben bekommen, aufs Ausdenken fremder Welten und darauf, mich mit einer Frage länger zu beschäftigen, als es für eine schnelle Antwort nötig wäre. Über Stewart bin ich sogar bei Shakespeare und Hamlet gelandet.
Das ist schon ziemlich viel für eine Fernsehserie.
Der Mann hinter dem Captain
Als Kind wusste ich von Patrick Stewart selbst kaum etwas. Da war Picard. Erst später habe ich mehr über den Menschen erfahren, der ihn gespielt hat, über seine Geschichte und darüber, wofür er sich eingesetzt hat. Im Stream haben wir ältere Interviews geschaut, eines davon mit Ian McKellen. Ich mag es sehr, den beiden zuzusehen. Diese Vertrautheit, der Quatsch, den sie miteinander machen. Da darf der würdevolle Captain auch einfach mal albern sein.
Ich muss aus Stewart deshalb keinen makellosen Menschen machen. Dafür weiß ich viel zu wenig über ihn. Und Schauspieler und Figur sind selbstverständlich zwei verschiedene Menschen. Wobei einer davon streng genommen gar keiner ist. Weiß ich alles.
Trotzdem hat Stewarts Darstellung mir etwas gegeben, das ziemlich real ist. Ich kann heute benennen, was ich an Picard bewundert habe. Wie ich gerne mit Menschen umgehen möchte. Was mich neugierig gemacht hat. Die Serie gehört zu den Dingen, an denen ich mich orientiert habe, als ich noch gar nicht wusste, dass ich Orientierung suche.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum mich sein Tod so mitnimmt. Ich habe keinen Freund verloren. Aber der Mensch, dessen Gesicht und Stimme zu dieser Vaterfigur gehörten, ist jetzt nicht mehr da. Das zu wissen, verändert etwas, auch wenn ich die Folgen weiterhin anschauen kann.
Ich kann noch einmal auf die Enterprise zurück. Inzwischen bin ich 41 und merke erst so richtig, was ich von dort mitgenommen habe.
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