#rezension

Meta, Moral und Miyazaki

Meta, Moral und Miyazaki

Ich wüsste nicht, wann Star Trek zuletzt so selbstkritisch mit seinem eigenen Konzept umgegangen ist. Und das ausgerechnet in einer Actionfolge, die bei mir so gut funktioniert hat, dass ich sie einfach als Zuschauer erlebt habe und nicht als jemand, der danach noch schnell einen Blog-Beitrag darüber schreiben will. Ich spreche von Folge 6 „Come, Let's Away“ von Starfleet Academy.

Tom von TrekCulture ist daran auch ein bisschen schuld, weil ich vorher sein Video über die visuelle Entwicklung von Star Trek gesehen habe. Dadurch haben die kammerspielartigen Szenen mit Nalah Ake und Nustopher Braka in Akes Büro bei mir richtig gezündet. Ein Kammerspiel, das auch als solches inszeniert wurde. Vertrauen in Dialoge statt hektischer Schnitte, wilder Perspektivwechsel oder Zoom-Overkill. Die Macherinnen und Macher haben darauf vertraut, dass die Gespräche tragen. Und das tun sie defintiv.

Wir bekommen zunächst den psychologischen Schlagabtausch zwischen Braka und Ake, inklusive der Angriffe auf Ake, die offenbar ihr eigenes Kind opfern musste. Dann dreht sich das Ganze. Ake kontert, entlarvt Nustopher und zerlegt seine Narrative. Und trotzdem bleibt dieses Gefühl, dass da noch etwas kommt.

Und dann die Holonachricht am Ende. Der Bösewicht, der gewonnen hat. Und plötzlich stellt er die zentrale Frage. Wie hoch sind die Ideale der Föderation wirklich, wenn Lebensentwürfe wie seiner als „Low Lifes“ abgestempelt werden? Wie tolerant ist man wirklich?

Er sagt, dass er sie hasst und gleichzeitig dankbar ist für ihren Einfluss auf sein Leben. Und in diesem Moment schwingt auf einmal alles mit, was die Staffel bisher aufgebaut hat. Die zögernden Betazoiden als wiederaufgenommene Mitglieder. Der klingonische Kadett, der den anderen Nachhilfe in interkultureller Kompetenz geben musste. Die Föderation, die sich selbst als moralischen Maßstab begreift, aber nicht immer merkt, wenn sie anderen ihre Werte überstülpt. Selbst die scheinbar simplen Hilfsaktionen wie Dilithiumlieferungen bekommen plötzlich einen Beigeschmack. Hilfe, die bestehende Machtstrukturen destabilisiert, ohne sie wirklich zu verstehen.

Parallel dazu gibt es noch das Miyazaki-Comic, dessen großer Fan ausgerechnet der Vulkanier B’avi ist. Caleb bezeichnet die Reihe als Feelgood-Propaganda, die Kolonialismus, Föderation und Starfleet in ein gutes Licht rückt. Eine Star-Trek-Serie innerhalb von Star Trek. Und die Uniformen im Comic! Ich liebe sowas. Meta geht bei mir immer.

Und genau das ist ja auch ein Vorwurf, den man Star Trek immer mal wieder gemacht hat. Dieses leicht missionarische „Wagon Train to the Stars“-Gefühl, das schon der große Gene Roddenberry selbst beschrieben hat. Die Idee, dass die Ideale der empathischen, toleranten Föderation universell richtig sind, egal für welche Spezies oder Kultur. Die Klingonen haben diese Angst in der Staffel gespiegelt. Die Angst vor kultureller Assimilation.

Man kann das als zeitlosen Konflikt lesen. Moralischer Universalismus gegen kulturelle Selbstbestimmung. Zwischen „Wir meinen es gut“ und „Ihr hört uns nicht zu“.

Ich weiß nicht, ob B’avi, der Spock zitiert, genau darauf abzielt. Das Wohl vieler wiegt schwerer als das Wohl weniger. Klar, das ist ein vulkanisches Prinzip. Aber es ist eben auch der utilitaristische Kern, der Star Trek immer wieder heimsucht. Und ganz ehrlich: Viele Fans sprechen das einfach nach, unreflektiert. Aber das wollen wir nicht. Wir wollen kein reines Nutzenkalkül, wir wollen Kant. Würde, die nicht verrechnet wird.

Und genau das macht die Folge so stark. Sie bringt Utilitarismus gegen Deontologie nicht als Seminar, sondern als Drama. Nicht als Theorie, sondern als Charakterkonflikt. Und plötzlich fühlt sich Starfleet Academy stellenweise mehr nach Deep Space Nine an als nach Planet-of-the-Week.

Ich finde es großartig, dass diese Folge gleichzeitig ein moralischer Kommentar und ein Meta-Moralkommentar ist. Und dass dieses Kammerspiel von so starken Schauspielerinnen und Schauspielern getragen wird. Da sitzt alles. Und Paul Giamatti als Bösewicht … Wow! Einfach nur großartig, passt für mich perfekt.

Aber auch die Actionsequenzen auf der Miyazaki haben für mich funktioniert. Ich liebe es, wenn Autorinnen und Autoren bereit sind, Dinge zu riskieren, um zu zeigen, dass wirklich etwas auf dem Spiel steht. Und ich mag es gleichzeitig überhaupt nicht, weil es dann weh tut, wenn es eskaliert.

Ja, man konnte sehen, dass für die Miyazaki teilweise das Enterprise-Brückenset herhalten musste. Aber ganz ehrlich. Immer noch besser als sterile LED-Wand-Ästhetik. Das hier hatte Raum und Textur. Ich war drin und nicht wieder draußen, wie es bei den LED-Stages leider oft passiert.

Und dann noch ein Detail, das ich erst hinterher richtig gemerkt habe. Die Lösung entsteht im Team. Nicht durch einen Genius-Move einer Einzelperson, sondern durch gemeinsames Denken. Klassische Trek-DNA. Und ich habe erst in dem Moment gemerkt, wie sehr ich genau das vermisst habe.

5 von 5 Sternen. Schon wieder.

Foto: Paramount+

Ich bewerte "Starfleet Academy, S01E06: Come, Let's Away" mit:

Love Letter mit Stolpern: „Series Acclimation Mil“ im Review

Love Letter mit Stolpern: „Series Acclimation Mil“ im Review

Ich tue mich noch ein bisschen schwer damit, die fünfte Folge von Starfleet Academy "Series Acclimation Mil" sauber einzuordnen. Nicht, weil sie nichts zu sagen hätte, sondern weil sie sehr viel gleichzeitig will. Und ich einfach nur Spaß hatte, obwohl sich die Folge objektiv betrachtet manchmal doch sehr im Ton verirrt.

Fangen wir mit dem Offensichtlichen an. Dass Avery Brooks während der Produktion kontaktiert wurde, ist für mich mehr als nur Trivia. Denn der Sisko-Darsteller hat seit Jahren der Schauspielerei entsagt und meinte in irgendeinem Interview einmal, dass er die Rolle für den Paycheck angenommen hat. Vollkommen fine by me. Denn DS9 war für mich die Serie, die aus Figuren echte Individuen gemacht hat. Die Freundschaft von O’Brien und Bashir, die Entwicklumg von Odo, das Verhältnis von Sisko und Jake. Da durfte sich etwas entwickeln. Beziehungen, Zweifel, Ideale. Es ging nicht nur um Weltraumprobleme, sondern um innere Konflikte. Und die Mischung hat damals für mich perfekt funktioniert.

Ich hatte mir von meinem Zivigeld die überteuerten DVD Boxen gekauft. Ich habe mich durch das englische Original gekämpft und dabei ganz nebenbei mein Schulenglisch aufpoliert. DS9 war für mich eine prägende Erfahrung. Deshalb war ich natürlich komplett gehypt, als es hieß, Folge 5 von Starfleet Academy sei ein Love Letter an genau diese Serie.

Geschrieben wurde sie unter anderem von Tawny Newsome, die wir aus Star Trek: Lower Decks als Mariner kennen und hier als Illa auftaucht. Eine eingefleischte Trekie und DS9-Fanin. Und von Kirsten Beyer, die früher die Voyager Romane geschrieben hat und seit Jahren eng mit dem Franchise verbunden ist. Also wirklich. Da kann dich kaum was sxhief gehen.

Die Haupthandlung rund um Sam ist dabei nicht nur ernst und philosophisch, sondern vor allem witzig und schnell. Sam ist tollpatschig, naiv, ehrlich und loyal. Sie trägt als Abgesandte den Druck einer ganzen Welt auf ihren Schultern, bleibt aber ihren Freunden gegenüber immer gut gelaunt. Gerade diese Mischung macht sie so sympathisch. Kerrice Brooks liefert hier als photonische Kasqianerin richtig ab. Übrigens auch so wie Mary Wiseman als Ensign Tilly bei Discovery. Beides Charaktere, die so angelegt sind, dass sie Comic-Relief-haft einfach nerven könnten, es aber dann durch die gute Charakterarbeit nicht tun. Chapeau!

Und dann bricht Sam gleich am Anfang die vierte Wand. Sie spricht direkt mit uns als Publikum. Das ist ein riskanter Kniff, aber hier fühlt es sich nicht wie ein billiger Trick an, sondern wie ein bewusstes Spiel mit Erzählformen. In der letzten Szene kann man es sogar so lesen, dass sie die ganze Zeit mit Benjamin Sisko spricht in einer Art innerem Dialog, oder sogar Gebet. Ein leises Augenzwinkern in Richtung DS9, denn nur Benjamin Sisko hat meines Wissens in Star Trek jemals die vierte Wand durchbrochen.

Dazu kommen visuelle Effekte, die fast wie Comic Panels wirken. Gedanken werden grafisch eingeblendet, Emotionen bekommen ein Bild. Das passt überraschend gut zur etwas überdrehten Energie der Episode und gibt ihr einen eigenen Stil, ohne sich komplett vom klassischen Star Trek Look zu verabschieden. Ich weiß, dass sich das widerspricht, aber es hat bei mir richtig gut funktioniert.

Inhaltlich stellt die Folge eine uralte Star Trek Frage. Denn Sisko und Sam verbindet eine Sache: Sie sind beide Abgesandte. Wie lebenswert ist ein Leben, wenn alles deterministisch vorherbestimmt scheint. Ist Sicherheit das höchste Gut oder braucht es Freiheit, selbst wenn sie weh tut. Das sind genau die moralischen Fragen, die mich immer kriegen. Und hier werden sie über Sams persönlichen Konflikt erzählt. Zwischen Pflicht und Gefühl. Zwischen Erwartung und eigener Entscheidung. Dabei fühlt sich ihre Lösung am Ende verdient und gut vom Drehbuch vorbereitet an.

Leider gibt es auch die B-Handlung rund um das diplomatische Treffen mit dem War College. Die ist deutlich alberner. Ich verstehe, dass sie als Kontrast gedacht ist, aber für mich hat der Humor dort nicht gezündet und auch generell hat das Gefühl gefehlt, wohin die Autorinnen überhaupt wollten. Da haben die Dialoge in vergangenen Folgen besser funktioniert und on point die Charakter-Arcs vorangebracht. Das erinnert tatsächlich an manche Folgen aus den Neunzigern, in denen Star Trek auch mal mit Humor gerungen hat. Hat eher selten funktioniert.

Auch die Barszene war nicht ganz meins. Kerrice Brooks darf zeigen, dass sie betrunken spielen kann. Kann sie. Keine Frage. Aber nach der letzten Episode mit einer betrunkenen Ake wirkte das für mich etwas wiederholt. Und die Prügelei war dann eher so mäh.

Trotzdem überwiegt bei mir das Positive. Cirroc Lofton wieder auf einem Star-Trek-Set zu sehen, war ein echter Fanmoment. Und dass ein Klingone im Rock ganz selbstverständlich mit einem War College Typen anbandelt, wird nicht kommentiert, sondern einfach gezeigt. Genau so muss Star Trek Diversität erzählen. Als etwas Normales. Und ja, ich gebe zu, es freut mich diebisch, dass das bestimmte Männer zuverlässig triggert.

Unterm Strich ist diese Episode nicht makellos. Aber sie hat Herz. Sie spielt mit Erzählformen. Sie stellt große Fragen und bleibt dabei nah an ihren Figuren. Und sie trifft bei mir einen sehr persönlichen Nerv. Objektiv nicht perfekt. Aber mit Herz.

Foto: Paramount+

Ich bewerte "Starfleet Academy, S01E05: Series Acclimation Mil" mit:

Wie für mich gemacht und deshalb schwierig

Wie für mich gemacht und deshalb schwierig

Mit der vierten Starfleet-Academy-Folge „Vox in Excelsis“, lief nun die erste Episode, die nach Classic-Trek-Mechaniken funktioniert. Angefangen beim lateinischen Titel mit einem "Vox" im Tteil (das mögen die Autor*innen!), über den Debattierwettbewerb, in dem der Doktor Satie aus „The Drumhead“ falsch zitiert, bis hin zum philosophischen Pendel, das klar zwischen Utilitarismus und Deontologie hin und her schwingt. Und natürlich das Klingonen-Theme von Jerry Goldsmith aus „The Motion Picture“.

Es war fast so, als wäre diese Folge für mich geschrieben worden. Und genau das ist mein Problem damit. Denn dadurch wirkt es, als würden Tonalität und ästhetische Entwicklung der vorherigen Episoden schlicht übersprungen. Als hätte man sich entschieden, von jetzt auf gleich voll auf Classic-Trek zu gehen, ohne den erzählerischen Übergang mitzunehmen. Das finde ich ehrlich gesagt ziemlich schade für die, die vielleicht neu eingestiegen sind.

Kurz zur Handlung: Die Athena ist im All unterwegs und ein Debattierwettbewerb steht an. Jay-Den erfährt, dass seine Eltern bei einem Unfall möglicherweise ums Leben gekommen sind. Gleichzeitig erfahren wir, dass die klingonische Heimatwelt infolge des Burns zerstört wurde, über den ich hier wie auch schon in den vorherigen Folgenbesprechungen nicht weiter schreiben werde.

In der Diaspora haben sich die Klingonen noch stärker auf ihre Tradition als ehrenhafte Kriegergesellschaft zurückgezogen. Ein neues Zuhause können sie sich nur sichern, indem sie einen kurzen und verlustfreien Schaukampf gegen Starfleet bestehen, denn ein Planet, der ihnen geschenkt würde, käme einer Ehrverletzung gleich. Am Ende wird Jay-Den als Krieger geehrt und darf endlich seinen pikanten Krieger-Eintopf essen.

Was mich freut, weil ich weiß, dass es andere ärgert

  • Der vermutlich neue Kanzler der Klingonen ist weiß. Und Klingonen müssen doch schwarz sein!!!eins11!
  • Captain Ake fletzt wieder auf Stühlen.
  • Die Heimatwelt der Klingonen wurde zerstört.
  • Der Doktor flucht.
  • Das Vogelbeobachten aus Episode 1 von Jay-Den ergibt plötzlich Sinn.
  • Die USS Riker ist ein sehr kleines, vermutlich aber extrem tapferes Schiff.
  • Männer dürfen sich mental durch Körperkontakt unterstützen.
  • Jay-Den hat zwei Väter.
  • Lura Thok hat einen Jem’Hadar-Vater und eine klingonische Mutter. Ich glaube, das triggert zuverlässig jedes Mal irgendwen, sobald es erwähnt wird.

Was mich ärgert, weil es zu viel Lore ist

Diese Folge verlangt sehr viel Vorwissen, wenn die Serie tatsächlich für eine neue Zuschauerschaft geschrieben sein soll. Allein Begriffe wie Qo’noS, Kahless oder klingonische Häuser sind bereits eine ordentliche Einstiegshürde. Natürlich ist klar, dass Jay-Den anders ist als andere Klingonen. Das haben die Autorinnen und Autoren in den vorherigen Episoden gut über die Reaktionen der anderen Kadettinnen und Kadetten etabliert. Aber hier wird plötzlich die komplette Moore-Lore ausgepackt. Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht schnell überfordernd und damit im schlimmsten Fall auch langweilig wirkt.

Was mich freut, weil Star Trek das selten so gemacht hat

Der dramaturgische Aufbau der Episode ist handwerklich einfach sehr gut. Die Rückblenden erfüllen hier tatsächlich eine narrative Funktion, statt nur illustrativ Figurentiefe nachzureichen.

Wir sehen zunächst den tragischen Tod von Jay-Dens Bruder, der bis in die Gegenwart hinein seine Beziehungen zu anderen Figuren prägt. Danach die Krieger- und Jagdtraditionen. Und schließlich den Vater-Twist: Bei der Jagd verfehlt der Vater bewusst den Vogel mit dem Bogen. Nicht aus Enttäuschung oder Wut darüber, dass Jay-Den sich der Jagd verweigert, wie Jay-Den und auch ich zunächst annehmen. Sondern als stilles Eingeständnis, dass Jay-Den seinen Kampf gewonnen hat und dass sein Vater den Weg seines Sohnes als Heiler und nicht als Krieger akzeptiert. Großartig.

Normalerweise funktionieren Rückblicke in Star Trek eher funktional. Es wird schnell etwas Backstory eingebaut, damit zukünftige Entscheidungen emotional besser untermauert sind. Das ist mir oft zu wenig. Starfleet Academy schafft hier mehr. Rückblenden, die Bedeutung erzeugen, statt sie nur zu behaupten.

Auch Jay-Dens Einordnung als besserwisserischer und für mich durchaus unsympathischer Know-it-all im Debattierwettbewerb fand ich erzählerisch stark. Ich finde es weiterhin etwas ungelenk, ihn plötzlich als Starfleet-Rechtsexperten zu inszenieren, der sich das angeblich alles im Gefängnis angeeignet hat. Aber die emotionale Motivation dahinter funktioniert. Diese Leere, das Fehlen von Tradition, und das Gespräch, in dem Jay-Den ihm genau das vorwirft, entwickeln die Figur weiter.

Alles in allem gebe ich der Folge deshalb die volle Punktzahl. Die Lösung lag zwar auf der Hand, war aber genau das, weshalb ich Star Trek früher so gern geschaut habe. Empathisch, lösungsorientiert, mit einer kleinen Prise Originalität. Die Folge fühlt sich an, als wäre sie für mich gemacht. Und genau deshalb bin ich gleichzeitig begeistert und ein wenig traurig.

Ich bewerte "Starfleet Academy, S01E03: Vox in Excelsis" mit:

Starfleet Academy und der Abschied vom Treksatlantic Accent

Starfleet Academy und der Abschied vom Treksatlantic Accent

Früher musste ich mich erst einmal einwählen, um ins Internet zu kommen. Dabei war für mich der klassische Modemsound fast schon ein akustisches Versprechen, dass gleich irgendwo eine Nachricht auf mich wartete. Das waren oft keine verpassten ICQ-Nachrichten oder Mails im klassischen Sinne, sondern Spielzüge, die wir per Mail verschickten. Ich habe mich in meiner Schulzeit erstaunlich häufig eingewählt, weil ich wissen wollte, wie es in unseren Play by Mail Rollenspielen weiterging.

Bevor MMORPGs allgegenwärtig wurden und ganze Welten dauerhaft online existierten, erzählten wir unsere Geschichten per Mail. Ein paar Leute, jeweils mit einem Charakter, ein Spielleiter mit grober Richtungsvorgabe, und ganz viel Improvisation. Regeln gab es fast keine. Das gemeinsame Erzählen war wichtiger. Ich schrieb eine Szene, schickte sie weiter und wartete auf Reaktionen. So entstand Zug um Zug ein Abenteuer. Manchmal über Monate hinweg, manchmal nur bis unsere Geduld nachließ und wir etwas Neues anfingen.

Diese Abenteuer spielten natürlich im Star Trek Universum. Mal an der Academy, mal auf klassischen Sternenflottenschiffen, mal auf Raumstationen oder Gefangenentransportern. Es gab ernste Geschichten und parodistische. Alles existierte nur im Text, aber in unseren Köpfen war es lebendig. Rückblickend war das wahrscheinlich meine erste echte Erfahrung mit kollaborativem Schreiben.

Dabei kamen wir gar nicht darum herum, uns mit der Sprache von Star Trek zu beschäftigen. Diese merkwürdig formelle, leicht entrückte Ausdrucksweise, die viele mit der Berman-Ära verbinden. Manche nennen sie Shakespearean. Ich habe das nie ganz so gesehen. Für mich klang das eher wie eine Variante des Transatlantic Accents, nur noch stärker von Zeit und Ort gelöst. Eine Sprache, die nirgendwo wirklich verankert ist. Dem Treksatlantic Accent.

Das hat etwas Zeitloses. Dialoge altern weniger schnell, weil sie nicht an Trends hängen. Gleichzeitig entsteht aber eine Distanz. Für Außenstehende wirkt das schnell steif oder künstlich. Und ich glaube, diese Sprachform hat die typische Kammerspiel Atmosphäre vieler Trek-Serien noch verstärkt. Menschen in Räumen, die sehr kontrolliert, sehr vernünftig, sehr korrekt miteinander sprechen.

Diese Formelhaftigkeit fand sich auch im Worldbuilding wieder. Menschen standen für aufgeklärte Vernunft, Klingonen für Kriegerkultur, Romulaner für Intrigen. Spezies waren oft Charakterabkürzungen. Das passte ins Fernsehen der Achtziger und Neunziger, ließ aber wenig Raum für Widersprüche. Individualismus war möglich, aber nicht der Standard.

Uns hat das schon damals gereizt, diese Muster aufzubrechen. Also spielten wir mit Klingonen, die depressive Phasen hatten, mit Menschen mit Traumata, mit Ferengi ohne Profitinteresse und Bajoranern ohne Glauben. Gleichzeitig liebten wir natürlich die großen Picard-Reden und versuchten, so viel Shakespeare wie möglich einzubauen. Diese Mischung aus Respekt und spielerischem Bruch gehörte dazu.

Aber das alleine reichte nicht aus. Wahrscheinlich lag das an der Franchise Müdigkeit Mitte der 2000er. Unsere eigenen Geschichten waren moderner, direkter, manchmal roher. Und immer wieder tauchte die Frage auf, warum es eigentlich keine Star Trek Serie gab, die sich wirklich zeitgemäß anfühlte, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen.

Heute versucht Starfleet Academy genau diesen Spagat. Und wie so oft, wenn sich ein Franchise neu ausrichtet, ist das Fandom gespalten. Die Informationslage ist dabei fast schon ein eigenes Phänomen. Je nachdem, wonach man sucht, findet man Berichte über katastrophale oder herausragende Streamingzahlen, über angeblich gefeuerten oder weiterhin beschäftigten Kreativchefs. In Zeiten algorithmischer Wirklichkeiten kann man sich seine Wahrheit beinahe selbst kuratieren.

Ein zentraler Streitpunkt ist wieder die Sprache. Starfleet Academy verabschiedet sich hörbar vom alten Treksatlantic Tonfall. Für manche ist das ein Befreiungsschlag, für andere ein Qualitätsverlust. Kritisiert wird oft, heutige Autorinnen und Autoren könnten keine anspruchsvollen Dialoge mehr schreiben. Interessanterweise entzündet sich diese Kritik nicht selten an einzelnen Schimpfwörtern, als hinge daran die Seele des Franchise.

Dabei geht es meist um mehr. Viele wünschen sich das Star Trek, mit dem sie aufgewachsen sind. Und alles, was davon abweicht, wird schnell als Unverständnis für das Universum gelesen.

Ich sehe das differenzierter. In der dritten Folge der ersten Staffel, Vitus Reflux, funktioniert sicher nicht alles. Das Tempo ist stellenweise unrund, der Prank-Krieg mit dem War College ist eher schwach motiviert, und die Gegenseite bleibt teilweise simpel gezeichnet.

Aber ausgerechnet die Dialoge und die Charakterentwicklung gehören für mich nicht zu den Problemen. Im Gegenteil. Die Folge interessiert sich stärker dafür, wie junge Menschen miteinander sprechen, sich abtasten, aneinander reiben. Konflikte werden nicht mehr ausschließlich in moralischen Monologen gelöst, sondern in Gesprächen, die persönlicher wirken.

Ich brauche heute nicht mehr zwingend die Szene, in der alle an einem Tisch sitzen, sachlich Optionen von einer Powerpoint vorlesen lassen, abwägen und am Ende eine große Rede alles klärt. Das habe ich früher geliebt, und aus Nostalgie funktioniert das noch immer. Aber es trägt mich nicht mehr automatisch durch eine Serie.

Vitus Reflux findet seinen Reiz in der Dynamik zwischen den Figuren. Die Folge ist verspielt, oft leichtfüßig, selten cheesy. Da kann ich das Teen-Drama fast schon verzeihen. Besonders Chancellor Nahla Ake funktioniert als Figur für mich sehr gut. Ihre Art zu führen basiert weniger auf Kontrolle und mehr auf Vertrauen. Gerade ihre Szene mit Caleb zeigt das. Sie greift nicht alles vorweg, sondern lässt Raum für Entwicklung.

Darem rückt in dieser Episode stärker ins Zentrum, was mir gut gefällt. Seine Erkenntnis, dass es im Leben um mehr geht als darum, der Beste zu sein, ist dabei kein neues Motiv. Genesis bekommt ebenfalls Raum, ohne zur bloßen Streberkarikatur zu werden.

Auch die Nebenfiguren tragen zur Welt bei. Nicht jede Zeichnung ist subtil, aber vieles ist weniger schablonenhaft, als es auf den ersten Blick scheint. Selbst Gegenspieler haben Momente, in denen sie mehr sind als bloße Bullys. Und ja, ich mochte den Heist Teil, wobei ich zugeben muss, dass ich für Heist Geschichten generell empfänglich bin.

Bemerkenswert ist am Ende des Prank-Kriegs vor allem die Art seiner Auflösung. Die Kadetten entscheidet sich nicht dafür, das War-College mit den gleichen Mitteln zu schlagen oder die Eskalation weiterzutreiben. Stattdessen verlagert sich der Fokus darauf, nicht wie man einen Konflikt führt, sondern wie man ihn beendet. Der Abschluss betont Zurückhaltung, Reflexion und die Frage, welches Verhalten dem Selbstverständnis der Sternenflotte entspricht. Das passt zu der Idee einer Organisation, die sich nicht über Überlegenheit definiert, sondern über den Anspruch, Konflikte verantwortungsvoll zu handhaben.

Die Kombination aus Jett Reno und Lura Thok als Lehrende bringt zusätzlich Humor und Wärme hinein. Solche Figuren geben einer Serie Textur. Sie sorgen dafür, dass sich das Universum bewohnt anfühlt. Und wenn das jetzt noch so mit den Nebenfiguren weitergeht, spüre ich fast schon Deep Space Nine Vibes.

Vielleicht liegt hier der Kern. Starfleet Academy versucht nicht, das alte Star Trek zu kopieren. Es tastet sich vor, probiert aus, stolpert auch. Aber es wirkt lebendig. Und für ein Franchise, das seit Jahrzehnten existiert, ist Lebendigkeit vielleicht wertvoller als Perfektion.

Ich bewerte "Starfleet Academy, S01E03: Vitus Reflux" mit:

Wings of Desire, 1987

Wings of Desire, 1987

Das letzte Mal, als ich Der Himmel über Berlin gesehen habe, fand ich keinen wirklichen Zugang. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich ihn damals bis zum Ende durchgehalten habe. Erst nachdem ich Wim Wenders bei Alles gesagt gehört habe (ich würde den Link ja posten, aber Die Zeit verlangt inzwischen Geld für ihr Podcast-Archiv), wollte ich dem Film noch einmal eine Chance geben; wegen der vielen Anekdoten und dieser, sagen wir, sehr agilen, offenen Herangehensweise an den Film.

Und ja: Es ist immer noch nicht mein Film. Seine Erzählweise, die entschleunigte Dramaturgie und die bewusst sperrige Form bleiben für mich schwer zugänglich. Aber gleichzeitig strahlt er eine eigentümliche Wärme aus.

Ich bewerte "Wings of Desire, 1987" mit: