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Geschichte, Wissenschaft, Wissen und einordnende kulturelle Texte.

Vielen Dank: Besser Online 2011

19.02.2026

Vielen Dank: Besser Online 2011

Langweilig war der DJV-Fachkongress "Besser Online" nicht unbedingt. Die Referenten waren tolle Entertainer. Allein es fehlten aktuelle Thematiken. Und das ist schlimm genug.

Weitere Infos:
Betriebsausflug zu Besser Online

Wikileaks und Daniel Domscheit-Berg? Eigentlich wurde dazu schon alles gesagt. Mehrfach. Mit allen Meinungen, die man dazu vertreten kann. Social Media? Sowas von 2008! Geld verdienen im Netz? Soll möglich sein. Es gibt da nämlich die üblichen Verdächtigen. Das war "Besser Online". Im Jahr 2011.
Christian Jakubetz hat an zwei Podien teilgenommen. Und er sagt über den Kongress: "Ich glaube, ich habe keinen einzigen Satz gesagt, den ich nicht auch in irgendeiner Weise letztes Jahr gesagt habe und im Jahr davor." Da hat er Recht. Neues konnte man bei der thematischen Auswahl der Organisatoren auch gar nicht bringen. Da ist es wie mit Domscheit-Berg: Alles wurde dutzendfach rauf und runterdekliniert. Das schaffte eine gewisse Wärme, gerade unter den Referenten; man war sich halt einig. Leider brachte das keinen Mehrgewinn.

Transparenz im Journalismus

Glanzpunkte gab es zwar. Man musste sie sich nur suchen. Zum Beispiel dieser: Wie ist das denn eigentlich als Journalist, wenn man sich als private Person in Blogs oder auf Twitter Öffentlichkeit schafft? Richard Gutjahr wollte wissen, ob er nicht darüber schreiben dürfte, dass er ein Apple-Fanboy sei. Wirkt er dadurch unprofessioneller? Unglaubhafter? Angreifbarer?
Diese Social-Media-Schizophrenie war vor ein paar Monaten ein wichtiges Thema im Medien-Netz. Und eine der Konsequenzen bestand eben darin, dass sich einige ein zweites Profil zugelegt haben, auch Gutjahr. "Mich gibt's jetzt zweimal!" Die rein beruflichen Profile indes haben nur einen mauen Erfolg.
"Der Mensch ist unteilbar" hat Marcus Schwarze dazu auf dem Podium gesagt. Berufliches, Persönliches? Das verschmelze durch Social Media zu etwas Neuem. Und da braucht's eine andere Sicherheit.
Wie soll man denn darauf reagieren, wenn der Arbeitgeber sagt: "Hier, mit diesem privaten Tweet... mhm... das ist irgendwie... kannst du den löschen?" Da hilft's leider nur wenig, wenn man – ganz nach Credo von Zeit-Online oder Rhein-Zeitung – kein Idiot gewesen ist, noch einmal über den Tweet gelesen hat und für sich entschieden hat: Jep, das kann ich so bringen. Muss man die Social-Media-Richtlinien der Arbeitgeber etwa auch mit nach Hause nehmen? Das hat sich bei Niels Rasmussen vom NDR fast so angehört. Über die Frage, ob man als Mitarbeiter bei den ÖRis beispielsweise Endorsements aussprechen dürfe, hat jüngst Holger Klein philosophiert. Mit dem Ergebnis: Nope. Die Verantwortung sei zu groß.
Ob das tatsächlich so ist, oder ob vielmehr die Leser darüber bescheid wissen, dass private Meinungen zwar auf berufliche Einfluss haben können, sie aber nicht bestimmen, darüber muss einmal gesprochen werden. Unterfüttert durch Studien. Raum gab es bei "Besser Online" dafür zu wenig.

Online-Journalismus ist mehr als Tablet-Liebe und Social Media

Es gibt sie ja, diese spannenden Formate, die erst durch das Netz richtig ausgespielt werden können. Multimediales-Storytelling, Multimedia-Reportagen, Leseraktionen und natürlich – allerdings nicht mehr ganz so hip – Podcasts und Videos. Bei "Besser Online" nicht.
Stattdessen wurde die Liebe zu Tablets und Apps zelebriert. Dabei ist das thematisch genauso wie mit Social-Media: Die schwärmende Anfangszeit ist vorbei. Es müssten unlängst tragfähige Konzepte stehen; das iPad gibt es jetzt – großzügig gerechnet – seit beinahe zwei Jahren. Zudem gibt es Konkurrenz-Produkte auf dem Tablet-Markt, die Apple das Wasser reichen. Leider ist ein Problem des Online-Journalismus, immer wieder zu probieren. Das Internet als Spielwiese zu nutzen. Das war es vielleicht vor zehn Jahren noch okay. Inzwischen sollte das Netz dieses Attribut aber verloren haben.
Jetzt, wo Amazon auf den Cloud-Reader setzt und Apple nicht mehr durch Apps an ihren Büchern mitverdienen lässt, jetzt scheint sie anzulaufen, die große App-Offensive der Verlage – und die Sessions bei Kongressen. Und dabei gibt es ja noch nicht einmal "die App". Man entwickelt für Windows, iOS und Android. Ich kann mich täuschen, aber die Alternative namens Webapps ist auf "Besser Online" nicht gefallen: Eine geräteunabhängige Möglichkeit Content schick auf mobilen Endgeräten anzeigen zu lassen. Schade.

Datenjournalismus

Dafür gab es eine recht gelungene Session über Datenjournalismus. Das gebashe zwischen Christina Elmer und Lorenz Matzat, was denn jetzt genau Datenjournalismus sei, war erfrischend. Ist Datenjournalismus nun die grafische Darstellung von Datensätzen (Matzat) oder das Durchwühlen derselbigen um Geschichten daraus zu ziehen (Elmer)? Wo sich beide einig waren: Es ist anstrengend. Zeitaufwendig. Und kostenintensiv. Und somit für viele freie Journalisten: gestorben. Wen das Thema interessiert, dem empfehle ich das Medienradio von Philip Banse. Mit Lorenz Matzat. Ist schon was älter, aber noch aktuell.
Klar verstehe ich die Organisatoren auch: Man wollte eine möglichst große Zielgruppe zufrieden stellen; viele Anfänger-Sessions bieten: Und das ist nötig. Aber bitte, bitte, für das nächste Mal: Eins, zwei Sessions, die über das Altbekannte hinausgehen.
Wer sich inhaltlich noch ein genaueres Bild machen will, dem empfehle ich ganz uneigennützig die entsprechende Wikigeeks-Folge mit der bezaubernden Claudia. Direkt aus dem ICE.

Der kleine Heinz: Die Unscharfigkeits-Relation

19.02.2026

Der kleine Heinz: Die Unscharfigkeits-Relation

Heisenberg-Kompensator
Der kleine HeinzAn den Grundfesten der Physik kann man nicht rütteln. Deshalb hat es auch keinen Zweck, gegen die Heisenbergsche Unscharfigkeits-Relation anzukämpfen - man kann sich höchstens damit arrangieren.*
Die Unscharfigkeits-Relation ist schnell zusammengefasst. Die Theorie besagt, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines noch nicht gestarteten Flirtvorgangs nie gleichzeitig stattfinden können. Die Komplementäre sind: Flirtwunsch und Flirtort. Je mehr man sich wünscht, zu flirten, umso geringer wird die Wahrscheinlichkeit einen passenden Flirtort (-partner) zu finden. Und umgekehrt. Daraus folgt zwangsläufig:

  1. Man kann Flirtwunsch und Flirtort nicht so präparieren, dass beide den eigenen Bedürfnissen entsprechen. Diese Unscharfigkeit lässt sich als unmittelbare Konsequenz des Frau-Mann-Dualismus interpretieren.
  2. Es ist nicht möglich, sich am passenden Flirtort zu treffen, wenn man den Wunsch dazu verspürt.
  3. Der Flirtwunsch beeinflusst natürlich auch den Flirtort und stört ihn zwangsläufig - und umgekehrt.

Beispiele aus der Lebenswirklichkeit
Haare sind gebändigt, Klamotten sitzen, Laune: gelöst. Perfekte Vorbereitung für einen perfekten Abend. Auch in dem Schuppen, in dem wir tanzen wollen, läuft ausnahmsweise genau die Mugge, auf die wir Lust haben - und das Wichtigste: Wir möchten  neue Menschen kennenlernen. Noch schnell ein Bier auf die Hand und auf ins Getümmel. Die Bahn ist gut gefüllt. Doch dann: ein Begleiter eruktiert beherzt - und alle potentielle Flirtpartner wenden den Blick ab. Manche fangen an zu tuscheln. Das Bier in der Hand wird für uns immer schwerer. Auch der Beginn einer plätschernden Unterhaltung versiegt schon vorher. "Normalerweise kann der sich benehmen", wird nur mit einem müden Schulterzucken abgetan, das Gesicht schnell aus der Bieratemwolke genommen.
Wir halten fest: Der Flirtwunsch in der Bahn ist so groß, dass sie nicht mehr als Flirtort existieren kann. Springen wir in die Zukunft:
Die Erwartungen im Tanzschuppen waren zu groß, der Drang, die Enttäuschung durch Alkoholika zu kompensieren zu verlockend. Und: Wir wollen nur noch nach Hause und ins Bett fallen. Wir sind nicht die einzigen. Auf dem Rückweg ist viel los im Bus. Wir lassen uns müde auf einen Sitz fallen und betrachten die inzwischen dreckigen Fingernägel. Den Schluckauf bekommen wir schon gar nicht mehr mit. "Harte Nacht?", eine nette Stimme. Wir schauen aber nicht auf, sondern grunzen etwas, dass sich als "Das kannst du laut sagen! Meine viel zu hohen Erwartungen an den Abend haben mich in diese Lage gebracht und ich kann von Glück sagen, dass ich noch in die richtige Bahn gestiegen bin. Hätte ich nur die Unscharfigkeits-Relation beachtet und auf diesen Heinz gehört, dann säße ich jetzt nicht hier". Wir hören Getuschel und zwingen unseren Blick nach oben. Unser Hirn ist noch nicht so geschädigt, dass es uns vollkommen entgeht, dass eine Schönheit vor uns sitzt. Aber das Sprachzentrum will einfach nicht mehr. Wir suchen nach Worten. Und geben auf. Fingernägel können auch interessieren.
Wir halten fest: Da der Flirtwunsch nicht existent war, verwandelte sich die Bahn automatisch in einen Flirtort. Heisenbergsche Unscharfigkeits-Relation ist das Stichwort - und eben nicht zu viel Alkohol, wie oftmals in anderen Ratgebern postuliert wird! Springen wir zurück in den Schuppen:
Wir haben unsere Begleitpersonen instruiert, nicht öffentlich aufzustoßen oder sonstige Körpergeräusche von sich zu geben. Sprich: Perfekte Vorbereitung. Sogar ein kompetenter Co-Pilot ist mit am Start. Wir lassen uns stempeln und danach läutern: Das Geschlechterverhältnis ist miserabel! Und die Flirtpartner, die theoretisch in Frage kommen, alle vergeben.
Wir halten fest: Stimmen die Außenbedingungen und die Vorbereitung, gibt es keinen Flirtort. Eine Gleichzeitigkeit kann nie existieren.
Der kleine Heinz rät: Akzeptieren und arrangieren. Manchmal hilft es schon das System zu verstehen, was dahintersteht. Falls die Unscharfigkeits-Relation mal aussetzten sollte: Gute Nacht. Macht euch auf einen Riss im Raumzeit-Kontinuum gefasst (siehe Kapitel 6).

Copyright.pngDas Urheberrecht des Bildes gehört Paramount Pictures bzw. CBS Television Studios. Der Gebrauch darf die fair use Richtlinien der Copyright-Rechte der USA nicht verletzen.

* Dies ist ein Ausschnitt aus meinem neuen Ratgeber "Der kleine Heinz - Lebenshilfe in drei Teilen"