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Politik, Gesellschaft und der gesellschaftliche Rahmen digitaler Debatten.

Spricht ein Kulturjournalist über Online

Spricht ein Kulturjournalist über Online

Dass ein Vortrag über Journalismus im Allgemeinen crossmediale Inhalte ausspart, ist selten. Ein Vortrag über Online-Journalismus muss dieses Thema sogar zwingend behandeln: Denn nur im Netz kann Video und Text ohne größeren Aufwand veröffentlicht werden. Ein Online-Journalismus-Vortrag im Literarischen Zentrum in Göttingen hingegen ist: anders.
Spricht ein Kulturjournalist im Literarischen Zentrum über seine Arbeit... Das ist kein Beginn eines Schenkelklopfers, vielmehr eine eher unorthodoxe Herangehensweise an diesen neueren Berufszweig der Journalisten. Fridtjof Küchemann ist Kulturjournalist mit blauer Brille.
Und um es vorwegzunehmen: Küchemann sprach nicht über die Möglichkeiten von Online-Journalismus. Datenjournalismus, crossmediales Arbeiten, das Verwischen der Grenzen zwischen den einst streng getrennten Hörfunk,- Fernseh,- und Printjournalisten. Das alles war nicht Thema des Abends. Küchemann sprach über FAZ.net und sich.
Er sagt, dass er eigentlich gar nicht damit gerechnet habe, bei FAZ.net arbeiten zu dürfen. Jeden Tag eine Bewerbung wegschicken, und als Belohnung: Top-Arbeitgeber anschreiben, von denen er sich niemals erhofft hätte, eingestellt zu werden. Einer davon, wie im Märchen, sollte sein späterer werden: FAZ.net.
Korrekturen ohne Hitlervergleiche
Ein paar Interessierte haben sich im Literarischen Zentrum in Göttingen eingefunden, um sich über den Beruf des Online-Journalisten zu informieren. Kai Sina stellte die Fragen. Wie beispielsweise: "Wie sieht das bei Ihnen mit Korrekturen aus? Was im Netz ist bleibt doch immer im Netz, oder?" Natürlich, klärt Küchemann auf, natürlich würden Fehler korrigiert und das auf transparente Art, mit Hinweisen, dass man etwas am Text verändert hat. Man hätte ja gelernt, von einem skandalisierten Interview, bei dem die Redaktion einen unbedeuteten Nebensatz gestrichen hatte. Dass es sich dabei um einen hanebüchenen Hitler-Vergleich handelte, erwähnte Küchemann allerdings nicht.
Die besseren Print-Kollegen
Dafür erklärte er, wie in einer Online-Redaktion Texte entstehen - und zwar organisch: Unter Zeitdruck würde der Text über den Tag verteilt immer mehr wachsen und besser werden - bis er dann abends durch den noch besseren Text der Print-Kollegen ausgetauscht wird. Denn die hätten in so einem großen Haus, einen riesigen Expertisenapparat zur Hand. Willkommen in der Welt des Online-Journalismus. Wie man denn in ein so großes Haus direkt nach dem Studium kommen könne, will eine Studentin wissen. Durch Bewerbungen? Vitamin B? Zufall? Man könnte Küchemanns Antwort folgendermaßen zusammenfassen: Ja. Alle Vorgehensweisen seien irgendwie richtig, sagt er, irgendwie. Und wünscht ihr Glück.
Altsprachler in die Politik
Um dem "berufsinformierenden Ziel" gerecht zu werden, das Sina zu Beginn des Gesprächs ausgerufen hat, erklärte der Onliner noch, dass er wenige Publizisten bei der FAZ kenne. Im Feuilleton arbeiteten viele Historiker, Altsprachler hingegen im Politikressort. Die würden sie nämlich nicht ins Feuilleton lassen. Natürlich nur ein Scherz. Was man studiere, das sei fast schon egal.
Mehr Berufsinformationen gab es dann fast nicht mehr. Abitur, abgeschlossenes Studium, Volontariat, zählt er noch als wichtige Voraussetzungen auf. Freiberuflichkeit? Kein Wort. Journalistenschulen? Auch die erwähnte er nicht. Größtenteils sprach er über sich. Dass er jetzt das neue Redaktionssystem bei der FAZ planen dürfe, als freigestellter Redakteur, oder dass er natürlich immer noch gerne Papierzeitungen lesen würde. Interessant, vielleicht. Als Infos für angehende Berufseinsteiger allerdings weniger sinnvoll.
Zur Originalveröffentlichung

Nach ihren Möglichkeiten redlich bemüht*

Nach ihren Möglichkeiten redlich bemüht*

Ein Thema, eine Regierung und unterschiedlichste Meinungen. Aus dem Innenministerium schallt’s, dass die Geodaten-Firmen es selbst hinbekommen, mit dem Datenschutz. Dann braucht man gar keine zusätzlichen Gesetze mehr. Und unsere Justizministerin sagt, dass unbedingt zusätzliche Gesetze her müssen, aber schnell. Um die Verbraucher zu schützen. Und die Verbraucherministerin? Die erdreistet sich in einem Interview von „Einigkeit“ der Bundesregierung in Sachen Netzpolitik zu sprechen.

Wenn ich jetzt der Regierung ein Arbeitszeugnis ausstellen müsste, der erste Satz wäre ganz klar: „Nach ihren Möglichkeiten haben sie sich redlich bemüht“. Oder anders ausgedrückt: Hallo? Geht’s noch?!
Das ist ja nicht das erste Mal, dass die Politik im Netz versagt: Wer kann sich nicht an die hanebüchene Kinderpornographie-Debatte erinnern? Lieber Inhalte sperren, statt sie zu löschen, war da das Credo. Nur das die Sperrung mit ein paar Klicks umgangen werden konnte. Oder an ihren Umgang mit Franziska Heine, die mit ihrer Forderung gegen Netzsperren die größte Petition in der Geschichte der Bundesrepublik initiiert hat - mit über 134000 Mitzeichnern. Und die  von den Abgeordneten despektierlich als „Phantom-Diskussion“ abgetan wurde.  Oder das die Regierung manche Strömungen gar völlig vernachlässigt: Fernsehen, Telefon und Radio, bald läuft alles übers Netz. Wer aber kontrolliert, welche Daten transportiert, gebremst oder gar blockiert werden? Die Regierung auf jeden Fall nicht. Das machen die Provider. Um später ordentlich zu verdienen.
Man könnte denken, die lernen es einfach nicht, die Politiker aus Berlin. Die lernen nicht, dass es viele junge Menschen gibt, die interessiert die Debatten verfolgen und am Ende nur noch gefrustet sind, über die Inkompetenz, die Ignoranz und nicht zuletzt auch die Arroganz der politischen Elite. Wer kann’s denen dann verdenken, dass sie sich lieber eine eigene Partei gründen statt den bestehenden beizutreten? Ich nicht.
* Der Kommentar ist im Seminar von Dr. Wilfried Bommert entstanden.