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#Medien & Politik

Medien, Politik, Kommunikation und der oeffentliche Diskurs in digitalen und klassischen Raeumen.

Internet-Kolumne (7): Der murmelnde Diskurs

Internet-Kolumne (7): Der murmelnde Diskurs

Eine Bekannte aus den Vereinigten Staaten hat mir von einem High-School-Projekt erzählt: In Geschichte sollten sie ein Video über die 70er Jahre erstellen. Und was liegt da näher, Songs von den Eagles, David Bowie oder The Clash zu nehmen, gespickt mit Filmschnipseln aus Der Pate oder Der Weiße Hai. Ein fantastisches Projekt! Sie wollte mir das Video in Deutschland zeigen. Ging aber nicht. "Leider ist dieses Video nicht verfügbar" meldete Youtube. Es enthielt Musik, an der die Gema die Verlagsrechte nicht eingeräumt hat. Blöd.
Das Urheberrecht war einmal ein Schutzrecht, das einem Schöpfer, einem Autoren, zugeordnet ist. Heutzutage ist es ein Relikt und muss reformiert werden.
Denn es geht an der Alltagswirklichkeit sehr vieler Netznutzer vorbei. Verstoße gegen das Urheberrecht passieren häufig: Da sieht man ein nettes Foto, lädt es bei Facebook hoch um es auch seinen Freunden zu zeigen, man erstellt Videos oder Webseiten für die Schule. Oder schreibt mit Zitaten ein Buch.
Helene Hegemann, Jungautorin des Bestsellers Axolotl Roadkill, hat sich bewiesenermaßen an Fremdtexten bedient. Und ihre Reaktion? Sie sei "für die Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess". Denn: "Originalität gibt's sowieso nicht, nur Echtheit." Thomas Mann bezeichnete entlehnte Zitate als "höheres Abschreiben". Und Cervantes arbeitete eine Raub-Fortsetzung seines Don Quijote selbst in seinen nächsten Roman ein. Allerdings nennt man das in den letzten Fällen Literatur - und nicht Urheberrechtsverletzung.
In der Memkultur des Netzes gibt es keine Autoren mehr. Dort zählt nicht mehr, wer etwas geschaffen hat, sondern hauptsächlich der "murmelnde Diskurs". Dem französischen Philosophen Michel Foucault hätte es gefallen.
Aber, wenn alles frei verfügbar ist, alles wiederverwendet, umgemodelt oder sonst wie weiterverarbeitet wird - wie sollen die Urheber dann entlohnt werden? Nun ja. Es ist eben eine Krux mit diesem Urheberrecht.
© Göttinger Tageblatt

Internet-Kolumne (6): Das gepflegte Päuschen

Internet-Kolumne (6): Das gepflegte Päuschen

Meine Nachbarin Sarah ist internetsüchtig. Große Worte aus dem Munde eines Netzbewohners, ich weiß. Aber sie ist es. Und Sarah ist nicht mehr glücklich darüber. „Ich komme zu nichts mehr“, hat sie mir einmal abends gebeichtet. „Es ist zum Haareraufen“. Das es ihr so geht, war mir schon vorher klar. Das liegt nicht an meiner guten Menschenkenntnis, sondern daran, dass sie das eine halbe Stunde zuvor auf Facebook gepostet hat. Sarah postet nämlich alles. Sie schreibt, dass sie bald einkaufen muss, und was sie im Laden erlebt: „Die Kassiererin war so unfreundlich! Hat überhaupt nicht gelächelt. Gefällt mir GAR NICHT.“ Schlichtweg: Jede noch so uninteressante Kleinigkeit. Aus dem wortreichen Gespräch ist mir folgender Satz hängengeblieben: Sie komme nicht mehr von Facebook los, weil sie Angst habe „etwas zu verpassen“.
Facebook, der Zeit-Killer? Aufschieberitis nannte man es früher, Prokrastination heute. Die Gründe am Prokrastinieren liegen in der unbändigen Informationsflut, an der auch Sarah schuld ist. Überfordert das? Macht es uns gar dümmer? Mitnichten! Ich möchte hier eine Lanze brechen. Und zwar für das gepflegte Päuschen!
Wenn sich mein alter Freund Konstantin an seine Studienzeit zurückerinnert, dann sagt er: „Die Lernpausen waren das beste!“ Da konnte er versuchen, ich zitiere jetzt mal indirekt, Frauen von sich zu überzeugen. Und ganz unterbewusst habe sich der Lerninhalt gefestigt, behauptet er.
Mir geht es da ähnlich. Sich ein paar Augenblicke in das Informations-Tohuwabohu zu stürzen, zu gucken, was es bei den Freunden neues gibt, ist doch toll! Während diese Kolumne entstanden ist, habe ich übrigens einer Kollegin auf Facebook geantwortet, mir zwei Artikel bei Twitter markiert und vier E-Mails bekommen. Ach, und Sarah ist wieder einkaufen, schreibt sie. Es gibt Sauerkraut-Lasagne.
© Göttinger Tageblatt

Internet-Kolumne (5): Das soziale Netz geht nicht mehr weg

Internet-Kolumne (5): Das soziale Netz geht nicht mehr weg

Gehören sozialen Netzwerke zum öffentlichen Leben? Und wenn: Warum gibt es keine Telefonnummer, um bei Facebook anzurufen? Kolumnist Florian Heinz über Nutzungsbedingungen und Bürgerrechte.
Wenn ich über soziale Medien spreche, habe ich mir ein Zitat von Paul Adams zu eigen gemacht. Der Google-Mann hat im Juli vergangenen Jahres bei einem Vortrag gesagt: „Das soziale Netz geht nicht mehr weg.“ Wir haben es mit einer neuen Architektur zu tun. Nicht mehr Daten sind miteinander verlinkt, sondern digitale Identitäten und Daten.
Mails, Videos, Bilder, Dokumente – alles kann ich inzwischen mit der eigenen digitalen Identität verknüpfen. Das Problem: Geht der Dienst pleite oder wird man aus irgendwelchen Gründen ausgeschlossen, sind alle Daten: weg. So ging es einigen Nutzern beim sozialen Dienst Google+: Sieben Jahre Netzleben futsch. Und zwar wegen eines Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen.
Katja Kullmann hat ihre Probleme mit Facebook in einer Glosse in der FAS verarbeitet: Plötzlich war nämlich ihr Profil gesperrt. Ohne Vorwarnung.
Aber wen kann man bei solchen Problem ansprechen? Telefonnummern mit deutschen Ansprechpartnern findet man auf der Facebookseite vergeblich. Bei Google ist es ähnlich. Die Konzerne bleiben anonym. Aber erlauben können sie sich dieses Gebaren schon lange nicht mehr. Denn Hand aufs Herz: Inzwischen sind die Dienste doch für das öffentliche Leben notwendig. Sie gehören dazu. So wie auch ordentliche Straßen oder die Wasserversorgung dazu gehören. Sie ahnen worauf ich hinaus will? Genau: Das schreit nach einer staatlichen Intervention! Und einer Debatte, wie die Nutzungsbedingungen von Firmen im Lichte der Bürgerrechte zu sehen sind. Der Blogger Felix Schwenzel (@diplix) hat das auf Twitter schön zusammengefasst: „eigentlich lauten die fragen doch nicht internet vs. privatsphäre, appstore oder google vs. transparenz, sondern AGBs vs. bürgerrechte“. Und da müssen wir drüber reden. Denn: Das soziale Netz geht nicht mehr weg.
© Göttinger Tageblatt

BMI: Bloggen nur noch mit Ausweis?

BMI: Bloggen nur noch mit Ausweis?

Werde ich zu alt, um mich über politische Äußerungen noch aufzuregen? Oder einfach nur satt an den ewig-gleichen (Update, siehe Kommentar) Shitstürmen, die zwar heftig schäumen aber ebenso schnell wieder verebben? Wer es noch nicht mitbekommen hat: Bundesinnenminister Friedrich fordert Klarnamen in Blogs. Mehr dazu im Hyperland-Blog bei Udo Vetter.
"Das Problem steht nicht zur Debatte"
Bedeutet aber der Ruf nach Klarnamen in Blogs (ich verlinke noch einmal auf die Impressumspflicht) auch mehr Schutz vor dubiosen Abmahnungen? Wie ein Sprecher des Bundesministerium des Inneren (BMI) auf Nachfrage mitteilte: Mitnichten. "Das angesprochene Problem steht im Moment nicht zur Debatte". Aber gerade jetzt bestände die mediale Präsenz, die Kehrseite der Klarnamen aufzuarbeiten und zu durchhirnen. Schade, dass das nicht passiert.
Ausweisen nicht "ständig und überall"
Dafür betonte der Sprecher, dass "selbstverständlich weiterhin die Möglichkeiten" bestehen müsse "Pseudonyme zu verwenden". Schon auf dem Kirchentag in Dresden habe Friedrich betont, dass er keine gesetzliche Pflicht wolle, sich "ständig und überall" im Netz ausweisen zu müssen. Das "ständig und überall" stört mich in der Antwort ziemlich. Bloggen nur noch mit Ausweis? Hört sich für mich ein bisschen so an.
Und weiter: Anonyme Blogger "entziehen sich dadurch der demokratischen Streitkultur" und das sei feige. "Die Frage nach der Anonymität im Internet hat jedoch viele Facetten und lässt sich nicht mit einem klaren Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß beantworten", sagte der BMI-Sprecher.

Lieber Herr Friedrich, Sie haben recht.

Lieber Herr Friedrich, Sie haben recht.

Lieber Herr Friedrich,
Sie haben recht. In einem Spiegel-Interview sagen Sie: "Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce". Und Sie fordern: Blogger sollen ihre Identität offenlegen.
Man könnte darüber streiten, ob die Überschrift von Spiegel-Online "Innenminister Friedrich fordert Ende von Anonymität im Netz" nicht etwas über das Ziel hinausschießt; wie ich Sie verstanden habe, möchten Sie, dass Beiträge so gekennzeichnet sind, dass man den Urheber einfach herausfinden könnte. Und in demokratischen Systeme, stimme ich Ihnen zu. Beispielsweise droht in Deutschland keine politische Verfolgung, wenn man Ihre Ansichten (auch polemisch) kritisiert. Wir haben zudem schon seit langem, die Impressumspflicht (Wikipedia), mit denen wir Blogger uns auseinandersetzen müssen. In meinem Impressum finden Sie daher meinen vollständigen, bürgerlichen Namen und Möglichkeiten (postalisch, E-Mail und telefonisch) mich zu erreichen. Es gehört für mich als Journalist dazu, mit meinem Namen für meine Beiträge zu stehen. Wie bei fast allen Bloggern übrigens.
Doch leider gibt es in Deutschland derzeit eine unschöne Abmahnwelle, die erstens die Meinungsfreiheit ad absurdum führt und deshalb Blogger zweitens dazu verführt in der Anonymität zu posten – oder ganz aufzuhören. Und das ist schade, da stimmen Sie mir bestimmt zu, denn Blogs im Allgemeinen und das Internet im speziellen bieten wunderbare Möglichkeiten für einen fruchtbaren, demokratischen Meinungsaustausch: Streitbar und unmittelbar.
Ich gebe zu, ich hadere sehr oft mit dem Freiheits-Sicherheits-Verhältnis Ihrer Partei; aber auch im Folgenden stimmen Sie mir bestimmt zu: Trotz Sicherheitsbedenken und der Möglichkeit sich zu radikalisieren, ist die Meinungsfreiheit ein schützenswertes Gut in unserer Demokratie. Das Gros der Blogger, bloggt. Nicht um Geld zu verdienen, nicht um zu radikalisieren. Sondern aus Spaß.
Sie können öffentlich-wirksam gerne nach einer (schon bestehenden) Namenspflicht fordern. Sie können dass auch mit dem unfassbaren Norwegen-Terroranschlag in Verbindung setzten. Ich erwarte mit ihren Forderungen aber gleichzeitig auch mehr Schutz für die Blogger, die mit ihrem Namen einstehen und kein Jura-Studium absolviert haben, um den tückischen Abmahn-Anwälten aus dem Weg zu gehen.
Ein kleines Beispiel: Ein Lokalblogger hat polemisch und undifferenziert alle Zeitungsredakteure über einen Kamm geschert und gesagt: Das kann nicht das Wahre sein. Daraufhin haben sich natürlich viele Redakteure angegriffen gefühlt und wiederum reagiert. Auf ebenso polemische Weise. Diese Art der Diskussion ist tief im deutschen Kulturgut verankert. Schon Martin Luther hat in seinen Streitschriften, seine Gegner eben nicht mit Samthandschuhen angefasst. Polemik ist keine Erfindung des Internets. Nur leider werden heutzutage gleich rechtliche Konsequenzen angedroht. Der Originaltext des Beispiels ist inzwischen überarbeitet.
Ich erwarte von den Volksvertretern, dass sie eben auch diesen Aspekt der Namenspflicht durchdenken: Sind schriftliche Erzeugnisse im Netz eigentlich mit schriftlichen Erzeugnissen auf Holz vergleichbar? Wie können diejenigen geschützt werden, die mit ihrem Namen einstehen? Vor Anwaltskosten, Unterlassungsbescheiden und Einschüchterungen?
Ein kleiner Hinweis zum Ende sei mir dann noch gestattet: Falls Sie die Reaktionen im Netz unterschätzt haben und nicht mit einem so großem Sturm der Entrüstung gerechnet haben: Ihre Forderung kommt zu einer Zeit, in der sich viele Netzbewohner mit dem Thema Anonymität im Netz beschäftigt haben, da das neue soziale Netzwerk von Google keine Nicknames zulässt – und deshalb Profile löscht.
Dieser Beitrag wird zudem auf archiv.floyboy.de veröffentlicht.
Mit freundlichen Grüßen in Hoffnung auf eine Reaktion,
Florian Heinz