Welzer hatte an diesem Abend unter anderem über Demokratie, Öffentlichkeit und dritte Orte gesprochen. Also über Räume, die weder Zuhause noch Arbeit sind. Orte, an denen Menschen sich begegnen können, ohne dass alles sofort einen Zweck haben muss. Kneipen, Bibliotheken, Vereinsheime, Jugendzentren, Plätze, Foyers, vielleicht auch ein Posaunenchor, selbst wenn der streng genommen schon wieder ein Ziel und Rollen hat.

Demokratie braucht mehr als Alarmismus

Was mir daran so hängen geblieben: Diese Orte sind soziale Infrastruktur und vielleicht haben wir erst gemerkt, wie wichtig sie sind, als wir angefangen haben, sie durch etwas zu ersetzen, das so tut, als wäre es ein Ort, aber eigentlich keiner ist. Das Netz. Oder genauer: die Plattformen.
Natürlich war das Internet einmal ein Versprechen. Austausch. Nähe. Verbindung. Man konnte Menschen finden, die ähnliche Interessen hatten. Man konnte publizieren, ohne Verlag. Man konnte lernen, diskutieren, widersprechen, Freundschaften schließen. Blogs, Foren, Facebook. Für jemanden wie mich ist das Netz bis heute Spielplatz, Werkstatt, Archiv und manchmal auch Wohnzimmer.
Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: Das Netz hat nicht einfach nur dritte Orte ergänzt. Es hat viele von ihnen ersetzt. Und dabei etwas kaputtgemacht, das wir vielleicht unterschätzt haben: Wenn jemand früher in der Kneipe am Stammtisch erzählt hätte, dass in Chips irgendwelche Kinder-Hormone stecken, hätte er wahrscheinlich Widerspruch bekommen. Vielleicht hätte jemand gelacht. Vielleicht hätte jemand gesagt: „Junge, jetzt komm mal klar.“ Vielleicht wäre es unangenehm für die Person geworden und die Person hätte sich blamiert.
Das klingt erstmal nicht besonders freundlich. Aber genau darin liegt ein sozialer Mechanismus, der gar nicht so unwichtig ist. Dritte Orte sind nicht nur Orte der Bestätigung. Sie sind auch Orte der Rückmeldung. Man trifft dort nicht nur die fünf Menschen auf der Welt, die denselben Quatsch glauben wie man selbst. Man trifft auch Leute, die einen kennen, die einen mögen, die einem aber trotzdem sagen, wenn man gerade komplett abbiegt.
Im Netz funktioniert das anders.
Wenn ich dort eine absurde Idee habe, finde ich fast immer jemanden, der sie teilt. Nicht unbedingt viele. Aber genug. Fünf Menschen irgendwo auf der Welt reichen manchmal schon. Fünf Menschen, die nicht lachen. Fünf Menschen, die sagen: „Endlich sagt es mal einer.“ Fünf Menschen, die aus einer fixen Idee ein Gefühl von Gemeinschaft machen.
Und dieses Gefühl ersetzt dann die Kneipe.
Das ist der eigentlich gefährliche Punkt: Menschen haben schon immer Unsinn gedacht. Das gehört einfach dazu. Aber digitale Plattformen haben aus fast jeder Abweichung, jeder Kränkung, jeder Wut und jeder Verschwörungsfantasie sofort einen scheinbaren sozialen Raum gebaut.
Plötzlich ist die absurde Meinung nicht mehr absurd. Sie ist
Wahrheit. Sie hat Likes. Sie hat Kommentare. Sie hat ein paar andere Profile, die dasselbe sagen. Und weil Plattformen nicht darauf ausgelegt sind, soziale Wirklichkeit zu stabilisieren, sondern Aufmerksamkeit zu maximieren, wird aus dem seltsamen Gedanken sehr schnell eine Identität.
Das ist der Unterschied zur Kneipe.
In der Kneipe sitze ich mit Menschen zusammen, die nicht alle wie ich sind. Oder zumindest nicht vollständig. Ich kenne ihre Macken, sie kennen meine. Ich kann nicht einfach wegscrollen, wenn mir jemand widerspricht. Ich kann auch nicht sofort den Raum wechseln und mir einen neuen Stammtisch suchen, an dem alle so tun, als sei mein Unsinn eine mutige Erkenntnis.
Der dritte Ort zwingt zur Reibung. Das Netz sortiert Reibung oft weg oder eskaliert sie zur Show.
Deshalb finde ich den Gedanken aus dem netzpolitik.org-Text so interessant, dass das Internet, wie wir es kennen, vielleicht tatsächlich stirbt. Dort geht es um KI-generierten Content, um Bots, um automatisierte Kommentare, um Plattformen, die immer weniger menschlich wirken. Soziale Medien waren einmal Orte, an denen man mit Freundinnen und Freunden in Kontakt bleiben wollte. Inzwischen bestehen Feeds oft aus Inhalten von Fremden, großen Accounts, KI-Müll, emotionalisierten Videos und algorithmisch sortiertem Zeug, das vor allem eines soll: Aufmerksamkeit binden.

Das Internet stirbt
Das ist deprimierend. Aber ist das auch schlimm? Vielleicht ist es eine Chance.
Denn wenn KI die digitalen Orte unangenehmer macht, wenn Feeds noch stärker mit maschinellem Quatsch geflutet werden, wenn Kommentare noch weniger nach Menschen klingen und Plattformen noch offensichtlicher zu seelenlosen Maschinen-Foren werden, dann könnte das auch etwas entzaubern.
Vielleicht merken wir dann, dass diese Orte nie wirklich das ersetzen konnten, was wir verloren haben.
Vielleicht merken wir, dass ein Like keine Begegnung ist. Dass ein Kommentar kein Gespräch ist. Dass eine Bubble kein Gemeinwesen ist. Dass Reichweite keine Öffentlichkeit ist. Dass Sichtbarkeit nicht dasselbe ist wie Bedeutung.
Und vielleicht merken wir auch, dass wir nicht nur bessere Plattformen brauchen, sondern wieder mehr echte Orte.
Das heißt nicht: raus aus dem Internet, alle zurück an den Stammtisch, Problem gelöst. So einfach ist es natürlich nicht. Das Netz bleibt wichtig. Gerade für Menschen, die vor Ort keine passenden Räume finden, kann es lebensrettend sein. Für Minderheiten, Nischenthemen, chronisch Kranke, Kreative, Nerds, politisch Engagierte, Menschen auf dem Dorf, Menschen mit wenig Mobilität. Das Netz kann verbinden, wo die analoge Umgebung eng, kalt oder feindlich ist.
Aber es darf nicht der einzige Ort werden, an dem wir Öffentlichkeit erleben.
Denn wenn Öffentlichkeit fast nur noch digital stattfindet, dann wird sie abhängig von Systemen, die nicht für Demokratie gebaut wurden. Sie wurden für Wachstum gebaut, für Werbung, für Verweildauer, für Datenauswertung und für Engagement. Und Aktivierung bedeutet eben oft nicht: Menschen kommen ins Gespräch. Aktivierung bedeutet: Menschen bleiben hängen.
Wut hält besser als Gelassenheit. Angst klickt besser als Vertrauen. Empörung skaliert besser als Nachdenklichkeit. Und wer einmal gelernt hat, dass irgendwo immer fünf Leute warten, die den eigenen Furor teilen, verliert irgendwann die Fähigkeit, den Widerspruch am Nachbartisch auszuhalten.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Welzers Gedanke zu den dritten Orten und der Gedanke vom sterbenden Internet zusammenfallen.
Demokratie braucht nicht nur Informationen. Sie braucht Situationen.
Sie braucht Räume, in denen Menschen einander nicht als Avatare, Zielgruppen, Feindbilder oder Content-Produzenten begegnen, sondern als Leute. Als Nachbarn. Als Bekannte. Als die Frau aus dem Chor, der Typ aus der Bibliothek, der Mensch neben einem am Tresen, der vielleicht politisch nervt, aber beim Aufbauen des Dorffests trotzdem mit anpackt.
Echte Menschen sind ja meistens anstrengender als Profile. Sie widersprechen. Sie erzählen zu lange Geschichten. Sie haben schlechte Meinungen und individuelle Gründe dafür. Sie lassen sich nicht so einfach wegmoderieren.
Aber genau deshalb sind sie wichtig.
Vielleicht war das größte Missverständnis der vergangenen zwanzig Jahre, dass wir dachten, digitale Vernetzung würde automatisch sozialen Zusammenhalt erzeugen. Als wäre Verbindung schon Gemeinschaft. Als wäre Austausch schon Verständnis. Als wäre Sichtbarkeit schon Nähe. Das war sie nicht.
Und deshalb frage ich mich inzwischen: Ist es wirklich schlimm, wenn KI die großen digitalen Plattformen unbrauchbarer macht? Ist es schlimm, wenn der ganze automatisierte Müll die Illusion zerstört, dass dort noch ein echter Ort ist? Oder könnte genau das der Moment sein, in dem wir uns fragen, was wir eigentlich vermissen?
Vielleicht stirbt nicht das Internet, vielleicht stirbt nur die Ausrede, dass Plattformen unsere gemeinsamen Räume ersetzen können.
Und vielleicht wäre das gar nicht die schlechteste Nachricht.



