Das Netz war nie die Kneipe

Das Netz war nie die Kneipe

Seitdem ich Harald Welzer im Deutschen Theater Göttingen gehört habe, denke ich über dritte Orte nach.

Welzer hatte an diesem Abend unter anderem über Demokratie, Öffentlichkeit und dritte Orte gesprochen. Also über Räume, die weder Zuhause noch Arbeit sind. Orte, an denen Menschen sich begegnen können, ohne dass alles sofort einen Zweck haben muss. Kneipen, Bibliotheken, Vereinsheime, Jugendzentren, Plätze, Foyers, vielleicht auch ein Posaunenchor, selbst wenn der streng genommen schon wieder ein Ziel und Rollen hat.

Was mir daran so hängen geblieben: Diese Orte sind soziale Infrastruktur und vielleicht haben wir erst gemerkt, wie wichtig sie sind, als wir angefangen haben, sie durch etwas zu ersetzen, das so tut, als wäre es ein Ort, aber eigentlich keiner ist. Das Netz. Oder genauer: die Plattformen.

Natürlich war das Internet einmal ein Versprechen. Austausch. Nähe. Verbindung. Man konnte Menschen finden, die ähnliche Interessen hatten. Man konnte publizieren, ohne Verlag. Man konnte lernen, diskutieren, widersprechen, Freundschaften schließen. Blogs, Foren, Facebook. Für jemanden wie mich ist das Netz bis heute Spielplatz, Werkstatt, Archiv und manchmal auch Wohnzimmer.

Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich: Das Netz hat nicht einfach nur dritte Orte ergänzt. Es hat viele von ihnen ersetzt. Und dabei etwas kaputtgemacht, das wir vielleicht unterschätzt haben: Wenn jemand früher in der Kneipe am Stammtisch erzählt hätte, dass in Chips irgendwelche Kinder-Hormone stecken, hätte er wahrscheinlich Widerspruch bekommen. Vielleicht hätte jemand gelacht. Vielleicht hätte jemand gesagt: „Junge, jetzt komm mal klar.“ Vielleicht wäre es unangenehm für die Person geworden und die Person hätte sich blamiert.

Das klingt erstmal nicht besonders freundlich. Aber genau darin liegt ein sozialer Mechanismus, der gar nicht so unwichtig ist. Dritte Orte sind nicht nur Orte der Bestätigung. Sie sind auch Orte der Rückmeldung. Man trifft dort nicht nur die fünf Menschen auf der Welt, die denselben Quatsch glauben wie man selbst. Man trifft auch Leute, die einen kennen, die einen mögen, die einem aber trotzdem sagen, wenn man gerade komplett abbiegt.

Im Netz funktioniert das anders.

Wenn ich dort eine absurde Idee habe, finde ich fast immer jemanden, der sie teilt. Nicht unbedingt viele. Aber genug. Fünf Menschen irgendwo auf der Welt reichen manchmal schon. Fünf Menschen, die nicht lachen. Fünf Menschen, die sagen: „Endlich sagt es mal einer.“ Fünf Menschen, die aus einer fixen Idee ein Gefühl von Gemeinschaft machen.

Und dieses Gefühl ersetzt dann die Kneipe.

Das ist der eigentlich gefährliche Punkt: Menschen haben schon immer Unsinn gedacht. Das gehört einfach dazu. Aber digitale Plattformen haben aus fast jeder Abweichung, jeder Kränkung, jeder Wut und jeder Verschwörungsfantasie sofort einen scheinbaren sozialen Raum gebaut.

Plötzlich ist die absurde Meinung nicht mehr absurd. Sie ist
Wahrheit. Sie hat Likes. Sie hat Kommentare. Sie hat ein paar andere Profile, die dasselbe sagen. Und weil Plattformen nicht darauf ausgelegt sind, soziale Wirklichkeit zu stabilisieren, sondern Aufmerksamkeit zu maximieren, wird aus dem seltsamen Gedanken sehr schnell eine Identität.

Das ist der Unterschied zur Kneipe.

In der Kneipe sitze ich mit Menschen zusammen, die nicht alle wie ich sind. Oder zumindest nicht vollständig. Ich kenne ihre Macken, sie kennen meine. Ich kann nicht einfach wegscrollen, wenn mir jemand widerspricht. Ich kann auch nicht sofort den Raum wechseln und mir einen neuen Stammtisch suchen, an dem alle so tun, als sei mein Unsinn eine mutige Erkenntnis.

Der dritte Ort zwingt zur Reibung. Das Netz sortiert Reibung oft weg oder eskaliert sie zur Show.

Deshalb finde ich den Gedanken aus dem netzpolitik.org-Text so interessant, dass das Internet, wie wir es kennen, vielleicht tatsächlich stirbt. Dort geht es um KI-generierten Content, um Bots, um automatisierte Kommentare, um Plattformen, die immer weniger menschlich wirken. Soziale Medien waren einmal Orte, an denen man mit Freundinnen und Freunden in Kontakt bleiben wollte. Inzwischen bestehen Feeds oft aus Inhalten von Fremden, großen Accounts, KI-Müll, emotionalisierten Videos und algorithmisch sortiertem Zeug, das vor allem eines soll: Aufmerksamkeit binden.

Das ist deprimierend. Aber ist das auch schlimm? Vielleicht ist es eine Chance.

Denn wenn KI die digitalen Orte unangenehmer macht, wenn Feeds noch stärker mit maschinellem Quatsch geflutet werden, wenn Kommentare noch weniger nach Menschen klingen und Plattformen noch offensichtlicher zu seelenlosen Maschinen-Foren werden, dann könnte das auch etwas entzaubern.

Vielleicht merken wir dann, dass diese Orte nie wirklich das ersetzen konnten, was wir verloren haben.

Vielleicht merken wir, dass ein Like keine Begegnung ist. Dass ein Kommentar kein Gespräch ist. Dass eine Bubble kein Gemeinwesen ist. Dass Reichweite keine Öffentlichkeit ist. Dass Sichtbarkeit nicht dasselbe ist wie Bedeutung.

Und vielleicht merken wir auch, dass wir nicht nur bessere Plattformen brauchen, sondern wieder mehr echte Orte.

Das heißt nicht: raus aus dem Internet, alle zurück an den Stammtisch, Problem gelöst. So einfach ist es natürlich nicht. Das Netz bleibt wichtig. Gerade für Menschen, die vor Ort keine passenden Räume finden, kann es lebensrettend sein. Für Minderheiten, Nischenthemen, chronisch Kranke, Kreative, Nerds, politisch Engagierte, Menschen auf dem Dorf, Menschen mit wenig Mobilität. Das Netz kann verbinden, wo die analoge Umgebung eng, kalt oder feindlich ist.

Aber es darf nicht der einzige Ort werden, an dem wir Öffentlichkeit erleben.

Denn wenn Öffentlichkeit fast nur noch digital stattfindet, dann wird sie abhängig von Systemen, die nicht für Demokratie gebaut wurden. Sie wurden für Wachstum gebaut, für Werbung, für Verweildauer, für Datenauswertung und für Engagement. Und Aktivierung bedeutet eben oft nicht: Menschen kommen ins Gespräch. Aktivierung bedeutet: Menschen bleiben hängen.

Wut hält besser als Gelassenheit. Angst klickt besser als Vertrauen. Empörung skaliert besser als Nachdenklichkeit. Und wer einmal gelernt hat, dass irgendwo immer fünf Leute warten, die den eigenen Furor teilen, verliert irgendwann die Fähigkeit, den Widerspruch am Nachbartisch auszuhalten.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Welzers Gedanke zu den dritten Orten und der Gedanke vom sterbenden Internet zusammenfallen.

Demokratie braucht nicht nur Informationen. Sie braucht Situationen.

Sie braucht Räume, in denen Menschen einander nicht als Avatare, Zielgruppen, Feindbilder oder Content-Produzenten begegnen, sondern als Leute. Als Nachbarn. Als Bekannte. Als die Frau aus dem Chor, der Typ aus der Bibliothek, der Mensch neben einem am Tresen, der vielleicht politisch nervt, aber beim Aufbauen des Dorffests trotzdem mit anpackt.

Echte Menschen sind ja meistens anstrengender als Profile. Sie widersprechen. Sie erzählen zu lange Geschichten. Sie haben schlechte Meinungen und individuelle Gründe dafür. Sie lassen sich nicht so einfach wegmoderieren.

Aber genau deshalb sind sie wichtig.

Vielleicht war das größte Missverständnis der vergangenen zwanzig Jahre, dass wir dachten, digitale Vernetzung würde automatisch sozialen Zusammenhalt erzeugen. Als wäre Verbindung schon Gemeinschaft. Als wäre Austausch schon Verständnis. Als wäre Sichtbarkeit schon Nähe. Das war sie nicht.

Und deshalb frage ich mich inzwischen: Ist es wirklich schlimm, wenn KI die großen digitalen Plattformen unbrauchbarer macht? Ist es schlimm, wenn der ganze automatisierte Müll die Illusion zerstört, dass dort noch ein echter Ort ist? Oder könnte genau das der Moment sein, in dem wir uns fragen, was wir eigentlich vermissen?

Vielleicht stirbt nicht das Internet, vielleicht stirbt nur die Ausrede, dass Plattformen unsere gemeinsamen Räume ersetzen können.

Und vielleicht wäre das gar nicht die schlechteste Nachricht.

Demokratie braucht mehr als Alarmismus

Demokratie braucht mehr als Alarmismus

Wir waren im Deutschen Theater Göttingen. Es hieß es wieder: dt.X Gäste. Von den drei Veranstaltungen, war das am Dienstag, 14 April, für mich die zweite. Diesmal war Harald Welzer zu Gast und hat über Demokratie, Öffentlichkeit, Erinnerungskultur und diese "dritte Orte" gesprochen. Was mir von diesem Abend besonders hängen geblieben ist: Wie wichtig es ist, endlich nicht immer nur schwarz zu malen. Statt ständig auf Zerfall, Wut und die lautesten Ränder zu schauen, zu hören und sich daran auszurichten, lohnt sich der Blick auf die große Mehrheit der Menschen, die dieses Land ganz selbstverständlich tragen.

Welzers Punkt war im Kern ziemlich einfach und gerade deshalb einfach stark: 80 Prozent der Gesellschaft wollen diesen Laden hier, also unsere Gesellschaft, nicht zerstören, sondern am Laufen halten. Sie wählen demokratisch, sie helfen einander, sie engagieren sich, sie benehmen sich im Alltag vernünftig. Nur kommen diese 80 Prozent in der großen öffentlichen Erzählung viel zu selten vor. Stattdessen dominiert oft das Gefühl, alles sei bereits kaputt. Ich finde diesen Gedanken nicht nur tröstlich, sondern politisch notwendig. Wer immer nur Untergang erzählt, stärkt am Ende genau die, die vom Untergang leben.

Genauso wichtig fand ich Welzers Gedanken zu den dritten Orten. Also zu Räumen jenseits von Zuhause und Arbeit, an denen Menschen sich begegnen können, ohne Zweck, ohne Rolle, ohne Konsumdruck. Kneipen gehören dazu, aber auch Bibliotheken, Jugendzentren, Plätze, Foyers oder andere Räume, in denen man einfach da sein darf. Der soziologische Begriff geht auf Ray Oldenburg zurück; genau solche Orte gelten als Räume von Begegnung, Durchlässigkeit und Zugehörigkeit.

Und genau da wird es konkret. Wenn solche Orte verschwinden, fehlt nicht nur ein bisschen Gemütlichkeit, sondern soziale Infrastruktur für Demokratie. Dann reden wir zwar dauernd über Zusammenhalt, schaffen aber immer weniger Gelegenheiten, ihn tatsächlich zu erleben. Ich erinnere mich da gerne an meine Zeit zurück im Posaunenchor Widdershausen. Klar. Kein echter dritter Ort, weil wir alle Rollen hatten und ein Ziel. Aber eine Möglichkeit mit Menschen zusammen zukommen und etwas zu verfolgen, bei dem Herkunft, Bildung, Status, und was uns sonst so in Bubbles einteilt, herzlich egal war. Deshalb passt für mich das Projekt „Wohnzimmer der Gesellschaft“ so gut zu diesem Thema: Es macht sichtbar, wie vielfältig solche analogen Orte des Gemeinsamen sein können. Und dass es sie eben braucht, wenn Demokratie nicht nur abstrakt beschworen, sondern im Alltag gelebt werden soll.

80 Prozent.

16.04.2026 Text Deutsches Theater Göttingen 2

Geburtstag, Gürtel, Gartenzwerge: Besuch im Ohrbergpark

Geburtstag, Gürtel, Gartenzwerge: Besuch im Ohrbergpark

Ich war über Ostern in der alten Heimat von Frau. Schwiegermama und ich hatten Geburtstag, ein logistischer Albtraum für die Bauchspeicheldrüse. Und meinem Gürtel hat das alles so gar nicht gefallen.

Um die drohende Textil-Katastrophe abzuwenden und mich mental und körperlich auf das fantastische Abendessen vorzubereiten, blieb nur die Flucht nach vorne: Bewegung.

Und während ich versuchte durch den Ohrbergpark zu flanieren, um das Food-Koma wegzulaufen, begann ich zu ahnen: Ich werde älter.

Blick auf eine grüne Landschaft mit einem Kühlturm und einem Fluss im Hintergrund, umgeben von Bäumen.
Im Ohrbergpark gibt's einen wunderbaren Blick ins Wesertal mit dem AKW Grohnde, stillgelegt 2023.

Das merkt man nicht an großen Dingen. Nicht daran, dass man plötzlich freiwillig um zehn ins Bett geht. Sondern daran, dass man sich selbst dabei erwischt, wie man innerlich das Wort ‚Rabauke‘ formt.

Zungenschnalzen für Fortgeschrittene

Frau und ich schlendern also durch diesen schönen Park, für die Rhododendren war es natürlich zu früh, als plötzlich zwei Menschen auf dem Rad an uns vorbeifuhren. Quer durch den Friedwald, auf dem ein eindeutige Piktogramm die Benutzung von Fahrrädern untersagt! Meine Hände hinter dem Rücken verschränkt schüttelte ich nur meinen Kopf und dachte: "Rabauken!"

Ich war schockiert. Über mich. Aber irgendwie auch stolz.

Früher hätte ich gedacht: „Lass die doch.“ Heute denke ich: „Das gehört sich aber nicht.“ Und während ich noch überlege, ob ich noch mit einem mehrfachen Zungenschnalzen die beiden Menschen auch akustisch ahnde, wird mir klar: Das ist es also. Das ist dieser schleichende Übergang, wenn man anfängt, Ordnung für eine Tugend zu halten und die ironische Schale darum immer weiter zerbröselt.

Steinerne Treppe, umgeben von Bäumen und Pflanzen, führt hinauf zu einem bewaldeten Bereich.
Steintreppe im Ruhewald, die zum großen Kreuz führt. Symbolfoto.

Übrigens, wen es Interessiert: Familien- oder Freundschaftsbäume gibt es im Friedwald ab 3.900 Euro sowie 99 Jahre Ruhezeit. Solange der Vorrat reicht.

Das Grauen hat eine Zipfelmütze

Wenn ich von Skandal spreche, meine ich aber nicht die Radfahrenden. Ich spreche vom Zwergenbaum. Für alle, die nicht im Bilde sind: Vor zehn Jahren stellte jemand einen harmlosen Gartenzwerg in eine Buche. Süß, sollte man meinen, oder? Ein bisschen märchenhaft. Aber im Innersten können wir Menschen es ja nicht einfach mal gut sein lassen. Wir müssen größer denken, weiter wachsen, expandieren. Und so steht inzwischen vor der Buche ein Heer für mittellose Gartenzwerge. Da hocken jetzt fünfzig dieser Kerle rum. Plastik, Ton, Stoff. Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich merke, wie alt ich werde: Ich verstehe plötzlich die Leute, die sich darüber aufregen.

Eine Gruppe von Gartenzwergen steht um einen alten Baum im Wald.
06.04.2026Ohr
Der Zwergenbaum, eine tote Buche, bei der die Ausbreitung der kleinen Gartenhelferlein begonnnen hat. Manche nennen es Vermüllung, andere gar einen Umweltfrevel.

Der logische Zerfall

Die Lokalzeitung nannte es ernsthaft „Umweltfrevel“. Natürlich mit einem Fragezeichen am Ende. Trotzdem: Ein große Wort für die kleinen Kerlchen im Unterholz. Aber ich fange es an zu verstehen. Ein Wald hat ein Wald zu sein. Da haben Bäume zu stehen, Vögel zu zwitschern und die Natur hat gefälligst so auszusehen, wie wir sie uns vorstellen, damit auch eine Wald-Erholung einsetzen kann! Da kann man nicht einfach unangekündigt das Proletariat der Vorgärten ansiedeln.

Zwei Gartenzwerge stehen auf einem Baumstumpf, umgeben von Holzscheiten und einer kleinen Laterne.
06.04.2026Ohr
Kurz vor dem Zwergenbaum, wandelte sich auch das Theme im Ohrbergpark.

Der Blockwart in uns allen

In Wahrheit ist das natürlich herrlich bescheuert. Da beschwert sich jemand, wahrscheinlich mit akkurat gestutzter Hecke zu Hause, über den „Vandalismus“ kleiner Zipfelmützen. Und ich stehe daneben und merke, wie ich langsam in diesen Sog aus „Das gehört sich aber nicht“ gezogen werde. Mein neues Ich, der Mann, der „Rabauke“ denkt, muss natürlich den Kopf schütteln. Es ist eine wunderbare Übung in Ironie: Man regt sich über Dinge auf, die einem eigentlich völlig egal sind, nur um zu beweisen, dass man noch Anteil am gesellschaftlichen Regelwerk nimmt.

Ich bin dann weitergegangen, ohne einen Zwerg zu retten, anzuzeigen oder mit einem laminierten Zettel diese Umweltsauerei zu verdammen. Man hat ja Prinzipien. Außerdem war ich viel zu sehr damit beschäftigt, die Radfahrer im Auge zu behalten.

Prinzipien sind alles

Der Ohrbergpark ist nach wie vor eine Reise wert. Geht hin, genießt die Azaleen und die Aussicht ins Emmer- und Wesertal und schaut euch das Zwergen-Prekariat an, solange die Ordnungshüter es noch nicht geräumt haben. Ich für meinen Teil gehe jetzt nach Hause und schaue mal, ob mein Rasen auch die vorschriftsmäßige Länge hat. Nicht, dass hier noch jemand zum Rabauken wird.

Bots, Prewarming und schlechte Queries

Bots, Prewarming und schlechte Queries

Und wieder melde ich mich gut gelaunt und überhaupt nicht gefrustet aus dem Maschinenraum. Heute: Wie meine site()->index()-Abfragen meine Seite fast gekillt hätten. Und ich wie immer selbst daran schuld gewesen bin.

Aber von vorne.

Vielleicht war es keine gute Idee, an ein, zwei Abenden bei Trakt nachzupflegen, welche Serien ich alles schon gesehen habe. Denn das hat mich auf Ideen gebracht. Zum Beispiel: Ich könnte ja dann auch gleich alle Serien und alle Filme auf gesonderten Seiten ausgeben. Und bei Serien könnte ich ja auch noch, einfach weil es so schön ordentlich ist, die Staffeln sortieren und den Serien zuordnen.

Und wenn ich schon dabei bin: Das Ganze könnte ich doch langsam über APIs aufbauen. Klar, die Watchdaten sind nur so halb akkurat, weil ich erst ab diesem Zeitpunkt angefangen habe, Serien sauber zu tracken. Aber ganz ehrlich: Ein bisschen Unschärfe ist immer noch besser als gar keine Daten.

Und wenn ich dann schon ungefähre Watchdaten habe, kann ich ja auch direkt Watchlog-Einträge erzeugen. Wer weiß, wofür die noch gut sind.

Die Konsequenz? Plötzlich hatte meine Seite über 8.000 Watchlog-Einträge. Und über 8.126 Episoden und Filme. Mit einer Watchdauer von sage und schreibe 8,5 Monaten! Aber darum soll es hier gar nicht gehen. Manche Statistiken sollte man vielleicht einfach nicht berechnen.

Worum es geht: Ich hatte plötzlich keine kleine, gemütliche Seite mehr. Sondern ein leicht zickiges Monstrum, das morgens, wenn die Botschwärme aufwachen, meinen Server zuverlässig in die Knie zwingt.

Und schuld daran war natürlich ich.

Ich habe für jede kleine Anzeige von Content einfach site()->index() benutzt. Bedeutet: Immer erst einmal die komplette Website laden, alles durchscannen, tausende Seitenobjekte bauen und dann 99,9 Prozent davon wieder wegwerfen. Klassisches Beispiel:

„Gib mir alle Seiten, filtere Reviews raus, sortiere nach Datum und zeig mir die neuesten fünf.“

Das funktioniert. Aber eben nur so lange, wie die Seite klein ist.

Mit wachsendem Content wurde das zum Problem. Nicht, weil Kirby schlecht ist, sondern weil ich bequem war. „Hol alles, filter später“ ist einfach, aber teuer.

Was ich jetzt stattdessen mache:

Ich scanne die Inhalte genau einmal, ziehe mir daraus nur die relevanten IDs und speichere diese als Cache. Und danach arbeite ich nur noch mit diesem vorbereiteten Datensatz. Keine globalen Scans mehr pro Request, sondern ein vorbereiteter, günstiger Zugriff.

Das habe ich inzwischen umgesetzt für:

  • Tag-Lookups
  • Film- und Serienverzeichnisse
  • Watchlog-Beziehungen
  • den Home-Feed
  • meine Stories-Rail

Das Prinzip ist immer gleich: einmal berechnen, dann cachen.

Dann kam die nächste „gute“ Idee: Prewarming. Also Seiten im Hintergrund vorladen, damit sie für euch schneller da sind. Klingt erstmal sinnvoll.

War es auch. Nur habe ich es natürlich übertrieben.

Ich habe das Prewarming als Self-Requests direkt bei normalen Seitenaufrufen eingebaut. Bedeutet: Ein Request erzeugt mehrere neue Requests auf sich selbst. Solange wenig Traffic da ist, geht das gut. Sobald aber Bots anfangen, parallel meine Seiten zu crawlen, kippt das System.

Und genau das ist passiert.

Bots wie GPTBot, AhrefsBot oder SemrushBot haben parallel angefangen, vor allem die Suche aggressiv abzuklappern. Gleichzeitig liefen meine eigenen Prewarm-Requests. Ergebnis: Alle Worker belegt, nichts geht mehr.

Deshalb habe ich jetzt zwei Dinge geändert:

Die Suche ist für Bots gesperrt
Prewarming passiert nur noch minimal, aktuell nur für die Startseite
Alles andere beobachte ich erstmal.

Die eigentliche Erkenntnis aus der ganzen Geschichte ist aber ziemlich simpel:

site()->index()ist nicht falsch, solange man es nicht übertreibt, so wie ich ich.

Wenn man es bewusst für globale Aufgaben nutzt, ist alles gut. Wenn man es aber im Frontend bei jedem Request mehrfach benutzt, während die Seite wächst und komplexer wird, dann baut man sich ziemlich zuverlässig einen Flaschenhals.