Lieber Herr Friedrich,
Sie haben recht. In einem Spiegel-Interview sagen Sie: "Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce". Und Sie fordern: Blogger sollen ihre Identität offenlegen.
Man könnte darüber streiten, ob die Überschrift von Spiegel-Online "Innenminister Friedrich fordert Ende von Anonymität im Netz" nicht etwas über das Ziel hinausschießt; wie ich Sie verstanden habe, möchten Sie, dass Beiträge so gekennzeichnet sind, dass man den Urheber einfach herausfinden könnte. Und in demokratischen Systeme, stimme ich Ihnen zu. Beispielsweise droht in Deutschland keine politische Verfolgung, wenn man Ihre Ansichten (auch polemisch) kritisiert. Wir haben zudem schon seit langem, die Impressumspflicht (Wikipedia), mit denen wir Blogger uns auseinandersetzen müssen. In meinem Impressum finden Sie daher meinen vollständigen, bürgerlichen Namen und Möglichkeiten (postalisch, E-Mail und telefonisch) mich zu erreichen. Es gehört für mich als Journalist dazu, mit meinem Namen für meine Beiträge zu stehen. Wie bei fast allen Bloggern übrigens.
Doch leider gibt es in Deutschland derzeit eine unschöne Abmahnwelle, die erstens die Meinungsfreiheit ad absurdum führt und deshalb Blogger zweitens dazu verführt in der Anonymität zu posten – oder ganz aufzuhören. Und das ist schade, da stimmen Sie mir bestimmt zu, denn Blogs im Allgemeinen und das Internet im speziellen bieten wunderbare Möglichkeiten für einen fruchtbaren, demokratischen Meinungsaustausch: Streitbar und unmittelbar.
Ich gebe zu, ich hadere sehr oft mit dem Freiheits-Sicherheits-Verhältnis Ihrer Partei; aber auch im Folgenden stimmen Sie mir bestimmt zu: Trotz Sicherheitsbedenken und der Möglichkeit sich zu radikalisieren, ist die Meinungsfreiheit ein schützenswertes Gut in unserer Demokratie. Das Gros der Blogger, bloggt. Nicht um Geld zu verdienen, nicht um zu radikalisieren. Sondern aus Spaß.
Sie können öffentlich-wirksam gerne nach einer (schon bestehenden) Namenspflicht fordern. Sie können dass auch mit dem unfassbaren Norwegen-Terroranschlag in Verbindung setzten. Ich erwarte mit ihren Forderungen aber gleichzeitig auch mehr Schutz für die Blogger, die mit ihrem Namen einstehen und kein Jura-Studium absolviert haben, um den tückischen Abmahn-Anwälten aus dem Weg zu gehen.
Ein kleines Beispiel: Ein Lokalblogger hat polemisch und undifferenziert alle Zeitungsredakteure über einen Kamm geschert und gesagt: Das kann nicht das Wahre sein. Daraufhin haben sich natürlich viele Redakteure angegriffen gefühlt und wiederum reagiert. Auf ebenso polemische Weise. Diese Art der Diskussion ist tief im deutschen Kulturgut verankert. Schon Martin Luther hat in seinen Streitschriften, seine Gegner eben nicht mit Samthandschuhen angefasst. Polemik ist keine Erfindung des Internets. Nur leider werden heutzutage gleich rechtliche Konsequenzen angedroht. Der Originaltext des Beispiels ist inzwischen überarbeitet.
Ich erwarte von den Volksvertretern, dass sie eben auch diesen Aspekt der Namenspflicht durchdenken: Sind schriftliche Erzeugnisse im Netz eigentlich mit schriftlichen Erzeugnissen auf Holz vergleichbar? Wie können diejenigen geschützt werden, die mit ihrem Namen einstehen? Vor Anwaltskosten, Unterlassungsbescheiden und Einschüchterungen?
Ein kleiner Hinweis zum Ende sei mir dann noch gestattet: Falls Sie die Reaktionen im Netz unterschätzt haben und nicht mit einem so großem Sturm der Entrüstung gerechnet haben: Ihre Forderung kommt zu einer Zeit, in der sich viele Netzbewohner mit dem Thema Anonymität im Netz beschäftigt haben, da das neue soziale Netzwerk von Google keine Nicknames zulässt – und deshalb Profile löscht.
Dieser Beitrag wird zudem auf archiv.floyboy.de veröffentlicht.
Mit freundlichen Grüßen in Hoffnung auf eine Reaktion,
Florian Heinz
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#Netzpolitik
Netzpolitik, Regulierung und politische Fragen rund um das Netz.
Lieber Herr Friedrich, Sie haben recht.
Internet-Kolumne (4): Von Nerds und Normalos
Internet-Kolumne (4): Von Nerds und Normalos
Das Internet. Jeder hinterlässt Spuren im Netz. Sich dagegen wehren? Widerstand ist zwecklos. Kolumnist Florian Heinz muss wieder mit einem Normalo diskutieren.
Mein alter Freund Konstantin sitzt mir in der Kneipe gegenüber. Und ohne Vorwarnung blafft er mich an: „Jetzt lass doch mal dein blödes Handy in Ruhe!“ Ich muss erklären: „Das ist kein Handy, das ist ein Smartphone!“ Mit Internet. Eigentlich habe ich gar nicht so oft drauf geschaut: Hat jemand auf Twitter was Nettes geschrieben? Wie kommen meine Bilder an, die ich gerade in genialer Perspektive vom Weizenbierglas geknippst habe? Trotz Kneipe, trotz Konstantin war ich eben auch: online. „Es stört mich sowieso,“ motzt mein (ich setze ihn jetzt mal in Anführungszeichen) „Kumpel“ dann weiter, „dass du gleich jeden Scheiß ins Netz stellst. Und du fragst noch nicht einmal, ob ich vielleicht was dagegen habe!“ Und Zack: Die Diskussion zwischen Nerd und Normalo möge beginnen!
Sätze wie „Ich möchte, dass von mir nichts im Internet steht“, kann ich nicht mehr erst nehmen. Und sie funktionieren auch nicht: Da läuft man aus Versehen durch einen Touristenschnappschuss, der dann auf Facebook landet. Man legt sogar Firmen das eigene Konsumverhalten transparent offen, nur um ein paar Punkte zu sammeln. Kontrolle über unsere Daten können wir aus dem Grund nicht mehr haben, weil es viel zu aufwändig ist, sich über jedes Detail Gedanken zu machen. Kontrollverlust nennt man dieses Phänomen. Und der Kontrollverlust ist erst einmal neutral. Nicht gut. Nicht böse.
„Schön und gut“, sagt Konstantin. „Ich will das aber trotzdem nicht“. Er erzählt stolz, dass er seine Häuserfassade bei Google verpixeln ließ. Da fange ich bereits an zu lächeln. Und setze zum finalen Schlag an: „Und“, frag ich ihn, „hast duch auch schon einen Antrag bei Microsoft gestellt?“ Er so: „Warum?“ Die starten einen Straßenbilderdienst. Wie Google. „Huch, davon weiß ich ja gar nichts...“ Deshalb nenne ich diese ganze Diskussion auch: verlogen.
Originalveröffentlichung im Göttinger Tageblatt
Internet-Kolumne (3): Pawlow lässt grüßen
Internet-Kolumne (3): Pawlow lässt grüßen
Politisch ist das Netz nicht, ein Politikum schon. Denn wenn es neue Bedrohungen gibt, dann holen Politiker gerne einmal alte Rezepte aus ihren Schubladen. So wie der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion Hans-Peter Uhl.
Die grausamen Anschläge in Norwegen kommentierte Hans-Peter Uhl mit folgenden Worten im Deutschlandfunk: „In Wahrheit wurde diese Tat im Internet geboren.“ Wumms!
Die Konsequenzen, ganz klar: Vorratsdatenspeicherung. „Hier finden große Straftaten permanent statt, übrigens auch in Deutschland“. Das ist schamlos. Und im norwegischen Fall schlicht falsch. Aber: Man ist es ja schon gewohnt. Es sind diese pawlowschen Politikerreflexe, die ganz automatisch zuschnappen.
Wir erinnnern uns: Die Vorratsdatenspeicherung war das Projekt der Großen Koalition, das vor einem Jahr vom Bundesverfassungsgericht als „verfassungswidrig und nichtig“ gekippt worden ist. Auch neue Namen für das alte Projekt wie „Mindestspeicherdauer“ ändern daran nichts: Ohne Verdacht dürfen Telekommunikationsunternehmen keine personenbezogenen Daten speichern. Das sollte eigentlich auch Uhl bekannt sein. Was er allerdings nicht ahnte, war die Reaktion des Netzes.
Im Kurznachrichtendienst Twitter ging der Hashtag #iminternetgeboren rauf und runter. Hashtags, sind Wörter nach einer Raute, die die Nachrichten in Kategorien einordnen. So schrieb @metronaut: „Weltsicht leicht gemacht: Alles Böse wird #iminternetgeboren“. Andere Nutzer schlossen sich an. Sie machten sich lustig, reagierten sarkastisch. Die Medien bekamen Wind von der Sache und berichteten nun ausführlich über Uhl und seine Forderung.
Inzwischen ist Uhl isoliert. Und, hat das Netz sein Ziel erreicht? Nein. Denn politisch ist es nicht. Es ist ein Instrument der politischen Diskussion. Ein fantastisches, wohlgemerkt, und für alle offen. Demokratisch eben!
Zur Originalveröffentlichung
Die Linkliste zum Sonntag
Die Linkliste zum Sonntag
- Mehrtägige Störung: Amazon lässt das Social-Web verstummen
- Denkverbote
- Super Google Reader Converts All Partial RSS Feeds into Full Feeds
- Unerträgliche Individualität
- Podcast: Das Atom und die Popkultur
- EU Decides Against Stricter Net Neutrality Rules
- Dropbox will Nutzer-Daten an Regierungen weiterreichen
- Grüne: Was kümmert uns unser Geschwätz von vor der Wahl
- Neue Medien, uralte Prinzipien
- Die re:publica 2011 und ihre Trolle
- (La)TeX-Links
- Newshype um Newshype
- Doctor Who: Trailer zu The Impossible Astronaut
- Newshype
- Mitmachen, Bessermachen, Rumnölen
- Rückblick – re:publica 2011
- Interview mit dctp.tv über alles Mögliche
- ZDF: Mit diesen Zwei twittert man besser
- Creative Commons beim Bayrischen Rundfunk
- Schwuler Schmuddel
Mensch, dann macht es doch selbst!
Mensch, dann macht es doch selbst!

Wie lange gibt es das Internet jetzt schon? Mhm? Man könnte sagen seit 1969 (WP). Ist schon etwas älter, wa. Und wie lange gibt es in Deutschland schon organisierte Interessensverbände? Solange, wie es auch Vereine gibt, und Gilden und das Zunftwesen (WP). Also schon lange, sehr, sehr lange.
Und erst jetzt gibt es einen Verband, eine Lobby, die sich für Internet-Rechte einsetzt. Eigentlich ein starkes Stück. Ich meine, in Deutschland ist man doch sowas von stolz auf die Blogdebatten, oder? Und freut sich jetzt, dass es bald wieder ein Instrument gibt, was sie ordentlich darstellt. Und man fühlt sich doch auch schon längst politisch! Jeder mit einem Blog hat doch eins, zwei Sätze darüber verloren, wie scheiße er das damals mit dem Zugangserschwerungsgesetz gefunden hat. Und hat vielleicht auf Netzpolitik velinkt. Oder Heise.
Und jetzt wollt ihr mir tatsächlich sagen, dass ihr keine popeligen sieben Gründungsmitglieder zusammenbekommt, um der Digitalen Gesellschaft Konkurrenz zu machen? Das ist doch nicht Euer ernst, liebe Netizen. Das kann nicht Euer ernst sein.
Ich versuche mir immer meine kritische Sicht auf die Welt zu bewahren. Und da ich gestern mein erstes graues Haar liebevoll ausgerupft habe, muss man mir wohl nun auch eine gewisse Altersweisheit zugestehen. Aber ein Projekt, bevor es überhaupt richtig gestartet ist, so in den Dreck zu ziehen? Geht doch auf die Barikaden, wenn Markus scheiße baut! Aber stattdessen bemängelt ihr die Transparenz. Den Namen. Und überhaupt die Tatsache, nicht gefragt worden zu sein.
Meine wirklich ernst gemeinte Frage an euch: Hallo?! Wolltet ihr jede Revision der Ursprungssatzung sehen? Glaubt ihr, dass es die Digitale Gesellschaft heute gäbe, wenn die Ziele nicht hinter geschlossenen Türen ausgearbeitet worden wären? Ihr würdet euch immer noch streiten! Mitglieder? MitgliederInnen? Mitgliederinnen? Mitglieder_Innen? Wenn's überhaupt soweit gekommen wäre.
Ich kann von meiner Seite nur sagen: Ich weiß nicht, was die Digitale Gesellschaft bringen wird. Ich weiß nicht, ob das so eine Art Greenpeace nur fürs Netz ist. Aber ich bin richtig gespannt darauf, es zu erfahren und werde die Debatten auch solange intensiv verfolgen.
Aber bis dahin halte ich die Klappe und beende meine Tirade ganz konstruktiv mit einer kleinen Buchempfehlung.
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