Ich war über Ostern in der alten Heimat von Frau. Schwiegermama und ich hatten Geburtstag, ein logistischer Albtraum für die Bauchspeicheldrüse. Und meinem Gürtel hat das alles so gar nicht gefallen.
Um die drohende Textil-Katastrophe abzuwenden und mich mental und körperlich auf das fantastische Abendessen vorzubereiten, blieb nur die Flucht nach vorne: Bewegung.
Und während ich versuchte durch den Ohrbergpark zu flanieren, um das Food-Koma wegzulaufen, begann ich zu ahnen: Ich werde älter.
Das merkt man nicht an großen Dingen. Nicht daran, dass man plötzlich freiwillig um zehn ins Bett geht. Sondern daran, dass man sich selbst dabei erwischt, wie man innerlich das Wort ‚Rabauke‘ formt.
Zungenschnalzen für Fortgeschrittene
Frau und ich schlendern also durch diesen schönen Park, für die Rhododendren war es natürlich zu früh, als plötzlich zwei Menschen auf dem Rad an uns vorbeifuhren. Quer durch den Friedwald, auf dem ein eindeutige Piktogramm die Benutzung von Fahrrädern untersagt! Meine Hände hinter dem Rücken verschränkt schüttelte ich nur meinen Kopf und dachte: "Rabauken!"
Ich war schockiert. Über mich. Aber irgendwie auch stolz.
Früher hätte ich gedacht: „Lass die doch.“ Heute denke ich: „Das gehört sich aber nicht.“ Und während ich noch überlege, ob ich noch mit einem mehrfachen Zungenschnalzen die beiden Menschen auch akustisch ahnde, wird mir klar: Das ist es also. Das ist dieser schleichende Übergang, wenn man anfängt, Ordnung für eine Tugend zu halten und die ironische Schale darum immer weiter zerbröselt.
Übrigens, wen es Interessiert: Familien- oder Freundschaftsbäume gibt es im Friedwald ab 3.900 Euro sowie 99 Jahre Ruhezeit. Solange der Vorrat reicht.
Das Grauen hat eine Zipfelmütze
Wenn ich von Skandal spreche, meine ich aber nicht die Radfahrenden. Ich spreche vom Zwergenbaum. Für alle, die nicht im Bilde sind: Vor zehn Jahren stellte jemand einen harmlosen Gartenzwerg in eine Buche. Süß, sollte man meinen, oder? Ein bisschen märchenhaft. Aber im Innersten können wir Menschen es ja nicht einfach mal gut sein lassen. Wir müssen größer denken, weiter wachsen, expandieren. Und so steht inzwischen vor der Buche ein Heer für mittellose Gartenzwerge. Da hocken jetzt fünfzig dieser Kerle rum. Plastik, Ton, Stoff. Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich merke, wie alt ich werde: Ich verstehe plötzlich die Leute, die sich darüber aufregen.
Der logische Zerfall
Die Lokalzeitung nannte es ernsthaft „Umweltfrevel“. Natürlich mit einem Fragezeichen am Ende. Trotzdem: Ein große Wort für die kleinen Kerlchen im Unterholz. Aber ich fange es an zu verstehen. Ein Wald hat ein Wald zu sein. Da haben Bäume zu stehen, Vögel zu zwitschern und die Natur hat gefälligst so auszusehen, wie wir sie uns vorstellen, damit auch eine Wald-Erholung einsetzen kann! Da kann man nicht einfach unangekündigt das Proletariat der Vorgärten ansiedeln.
Der Blockwart in uns allen
In Wahrheit ist das natürlich herrlich bescheuert. Da beschwert sich jemand, wahrscheinlich mit akkurat gestutzter Hecke zu Hause, über den „Vandalismus“ kleiner Zipfelmützen. Und ich stehe daneben und merke, wie ich langsam in diesen Sog aus „Das gehört sich aber nicht“ gezogen werde. Mein neues Ich, der Mann, der „Rabauke“ denkt, muss natürlich den Kopf schütteln. Es ist eine wunderbare Übung in Ironie: Man regt sich über Dinge auf, die einem eigentlich völlig egal sind, nur um zu beweisen, dass man noch Anteil am gesellschaftlichen Regelwerk nimmt.
Ich bin dann weitergegangen, ohne einen Zwerg zu retten, anzuzeigen oder mit einem laminierten Zettel diese Umweltsauerei zu verdammen. Man hat ja Prinzipien. Außerdem war ich viel zu sehr damit beschäftigt, die Radfahrer im Auge zu behalten.
Prinzipien sind alles
Der Ohrbergpark ist nach wie vor eine Reise wert. Geht hin, genießt die Azaleen und die Aussicht ins Emmer- und Wesertal und schaut euch das Zwergen-Prekariat an, solange die Ordnungshüter es noch nicht geräumt haben. Ich für meinen Teil gehe jetzt nach Hause und schaue mal, ob mein Rasen auch die vorschriftsmäßige Länge hat. Nicht, dass hier noch jemand zum Rabauken wird.




