Schuld, Scham und Politik

Ich mag diese High-Stakes-Finale eigentlich nicht besonders. Also Folgen, in denen plötzlich eine Bedrohung auftaucht, die so groß ist, dass mein Primatenhirn sie gar nicht mehr wirklich fassen kann. Und gleichzeitig weiß man natürlich auch, dass die Konsequenzen am Ende nicht eintreten. Die Galaxis wird nicht zerstört, die Föderation wird nicht ausgelöscht, das Universum bleibt bestehen. Meistens wird sie gerettet, bei einem Countdown, der schon nahe der null ist.

Interessanterweise ging es für mich in dieser Folge auch gar nicht wirklich um diese Bedrohung. Nicht um die „Mauer des Todes“, wie Jett Reno das so schön nennt. Emotional drehte sich für mich fast alles um Nala Ake. Um Schuld, um Scham und um die Frage, was ein Mensch mit Entscheidungen macht, die er nicht mehr rückgängig machen kann.

Und Holly Hunter spielt das schlicht großartig.

Schuld, Scham und eine Entscheidung, die nicht mehr rückgängig zu machen ist

Der eigentliche Kern der Geschichte liegt für mich in der Vergangenheit von Nala Ake. Sie hat Caleb damals auf Befehl von seiner Mutter getrennt. Diese Entscheidung hat ein Leben zerstört. Sie hat Caleb seiner Familie genommen, seine Mutter aus der Bahn geworfen und letztlich auch dazu geführt, dass sie selbst Starfleet verlassen hat.

Das Interessante ist dabei die Dynamik von Schuld und Scham. Schuld richtet sich auf eine Handlung. Man hat etwas getan, das falsch war. Scham dagegen richtet sich auf das eigene Selbst. Man fühlt sich selbst falsch.

Ake wirkt in dieser Folge wie jemand, der beides trägt. Sie weiß genau, dass die Entscheidung falsch war. Sie weiß auch, dass sie sie damals schon für nicht richtig gehalten hat. Sie hat auf Befehl gehandelt. Und sie weiß, dass diese Rechtfertigung nichts mehr daran ändert, was daraus entstanden ist.

Deshalb verteidigt sie sich in der Verhandlung auch kaum. Nicht, weil sie keine Argumente hätte. Sondern weil sie weiß, dass sie moralisch bereits verloren hat.

Das ist ein sehr Star-Trek-Moment. Nicht die Frage, wer recht hat, sondern die Frage, wie Charaktere mit ihren Fehlern leben.

Und dann kommt Tatiana Maslany als Calebs Mutter dazu. Ihr Zusammenspiel mit Holly Hunter ist fantastisch. Diese Mischung aus Wut, Schmerz, Einsicht und dem vorsichtigen Versuch, wieder einen Schritt aufeinander zuzugehen, gehört für mich zum besten Schauspiel, das diese Staffel hatte.

Als sie am Ende doch noch zurückgewunken hat, hat mich das ehrlich berührt.

Die Athena-Brücke und ein bisschen Humor im Weltuntergang

Auch auf der Brücke gibt es ein paar schöne Momente.

Tig Notaro ist als Reno einfach großartig. Genau diese Mischung aus trockener Professionalität und komplettem Desinteresse an militärischer Förmlichkeit hatte ich mir schon bei Discovery öfter gewünscht.

Der Pinkel-Moment hat mich tatsächlich zum Lachen gebracht. Ja, das ist dieser Marvel-artige Humor, der Erwartungen bricht und Situationen kurz entkrampft. Star Trek sammelt damit erst Erfahrung, aber ich finde, hier funktioniert es. Die Szene, in der Genesis zum ersten Mal im Captain’s Chair sitzt, hat das für mich nicht kaputt gemacht.

Man merkt allerdings auch, dass eine Staffel mit nur zehn Folgen ihre Grenzen hat. Einige Figuren bekommen kaum Raum. Der Doktor holt seinen mobilen Emitter raus und nachdem er im Schiffssystem war, hat er eine Lösung, die er nicht aussprechen kann, weil er an Aphasie leidet. Elegant ist das nicht, aber bei dieser Episodenanzahl und dem Spannungsbogen dieser Folge wohl kaum anders zu lösen.

Am Ende gelingt es der Crew natürlich in letzter Sekunde, die Minen zu entschärfen und der Föderation nebenbei noch eine potenziell unendliche Energiequelle zu sichern.

Verhandlungen als klassisches Star-Trek-Erzählmittel

Der andere große Teil der Episode ist die Verhandlung mit Nustopher Braka.

Ich mochte ihn auch hier wieder sehr, vor allem in dem Moment, in dem seine Lügen langsam auseinanderfallen. Gleichzeitig macht die Serie hier etwas, das einerseits sehr typisch für Star Trek ist und sich andererseits seltsam aus der Zeit gefallen anfühlt.

Star Trek liebt Gerichtsverhandlungen.

  • Die allererste Folge von The Next Generation, Mission Farpoint, beginnt mit einem Prozess gegen die Menschheit.
  • In The Drumhead sehen wir, wie eine Untersuchung langsam in eine Hexenjagd kippt.
  • The Measure of a Man stellt die Frage, ob Data eine Person ist oder Eigentum.
  • Und in Star Trek VI verteidigt ein Anwalt Kirk und McCoy vor einem klingonischen Gericht.

Verhandlungen gehören zum moralischen Werkzeugkasten von Star Trek. Sie erlauben es der Serie, ihre ethischen Konflikte offen auszudiskutieren.

Und genau das passiert hier auch.

Gleichzeitig wirkt so eine dialoglastige Gerichtshandlung heute fast ein bisschen anachronistisch. Serien erzählen Konflikte heute schon etwas moderner. Eine lange Szene, in der Figuren einfach reden und Argumente austauschen, ist fast schon altmodisch.

Ich finde es ehrlich gesagt mutig, dass die Serie das trotzdem macht.

Das Setting hingegen finde ich nicht sonderlich gelungen. Sie haben das Atrium der Athena angezündet, man spürt die brennenden Mülltonnen regelrecht. Das hat mich leider eher an Borderlands erinnert als an ein cooles Set der Handlung.

Nustopher Braka

Nustopher Braka funktioniert für mich in dieser Folge etwas anders als zuvor. In Ake’s Büro war er eine komplexe Figur. Hier wirkt er teilweise fast eindimensional.

Aber eigentlich ergibt das Sinn. Das ist eine öffentliche Verhandlung. Und eine öffentliche Verhandlung ist immer auch Politik. Braka spricht nicht nur zu den Beteiligten im Raum, sondern zu einem Publikum. Zu seinen eigenen Leuten. Zu denen, die sich von der Föderation bevormundet fühlen. Zu denen, die glauben, dass dort oben jemand sitzt, der ihnen ständig erklärt, wie sie zu leben haben.

Die Folge arbeitet dabei sehr stark mit dem Zeigefinger. Sie zeigt auf Braka, auf seine Rhetorik, auf seine Anhänger und macht relativ deutlich, wie durchschaubar diese Mechanismen sind. Die Fox-News-artigen Einblendungen des Drohnen-Footage sind dann für die, die die Parallelen immer noch nicht verstanden haben.

Gleichzeitig passiert dabei etwas Interessantes. Die Serie wirft der Föderation vor, mit dem moralischen Finger auf andere zu zeigen, sie zu belehren und vorzuführen. Und im selben Moment macht die Serie genau das mit ihm und seinem Lager. Sie sagt im Grunde: Schaut euch das an. Wer kann so etwas ernsthaft unterstützen?

Ich verstehe diesen Impuls. Und ehrlich gesagt teile ich ihn oft auch.

Aber genau hier hätte ich mir von Star Trek noch einen Schritt mehr gewünscht. Nicht im Sinne von Verständnis für seine Position. Sondern im Sinne eines Versuchs, die Menschen zu erreichen, die hinter solchen Figuren stehen. Nicht nur zu zeigen, wie falsch sie liegen, sondern einen Weg aufzuzeigen, wie man aus dieser Konfrontation wieder herauskommt.

Gerade Star Trek war früher oft stark darin, solche Brücken zu bauen.

Calebs Moment

Der Moment, in dem Caleb schließlich selbst das Wort ergreift, ist toll. Man merkt, dass Ake genau damit gerechnet hat.

Sie weiß, dass ihre eigene Stimme in dieser Situation nichts mehr retten kann. Aber Caleb kann sprechen. Und er kann eine Brücke schlagen.

Das ist eine sehr elegante Lösung der Geschichte.

Viele Figuren, viele Ideen und eine kurze Staffel

Trotzdem bleibt das Gefühl, dass diese Staffel vielleicht einfach zu viel wollte.

Das War College spielte diesmal fast keine Rolle mehr. Der Liaison-Offizier taucht nicht mehr auf. Die Brückencrew haben wir gefühlt zuletzt im Piloten gesehen. Auch die Entwicklung einiger Figuren wirkt etwas gehetzt.

Der Doktor war plötzlich sehr zynisch, was man zwar nachvollziehen konnte, aber nie wirklich erzählt bekam. Seine Entwicklung zum liebevollen Vater ging danach wiederum sehr schnell.

Bei den Kadetten sieht es ähnlich aus.

Man merkt, wie viele Ideen diese Staffel unterbringen wollte.

Für zehn Folgen ist das eigentlich zu viel.

Fazit

Trotz dieser Schwächen funktioniert das Finale für mich erstaunlich gut, weil diese Folge im Kern eine Geschichte über Schuld, Verantwortung und Versöhnung erzählt.

Und weil Holly Hunter das mit einer Intensität spielt, die man im Fernsehen nicht jeden Tag sieht.

Für mich sind das am Ende klare fünf von fünf Sternen.

Ach, und die Reaktionen im Netz sind wieder herrlich, auch was die letzte Folge betrifft. Heute nur ein Beispiel: Wie schafft man es das ganze Föderationsgebiet zu verminen? Das ist doch unmöglich und reine Fantasy und die Autoren haben keine Ahnung! Die Ressourcen! Die Zeit! Un-real-istisch! Sowas von. Certifiably Ingame hat die Rechnung gemacht, und sagt: Naja, geht doch. Irgendwie.

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