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#Netzpolitik

Netzpolitik, Regulierung und politische Fragen rund um das Netz.

SOPA und der Journalismus

SOPA und der Journalismus

Markus Beckedahl und padeluun haben momentan bestimmt sehr viel Spaß an ihrem Job: Denn eigentlich wird vieles, was sie inzwischen anpacken, von den Medien unreflektiert nachgeplappert. Das ist toll für die "Netzgemeinde". Allerdings nicht so toll für den Journalismus. Ein Kommentar.
Spionagewanzen! Schnüffelchips! Ein neuer Skandal? "Wer Kleidung der Modefirma Gerry Weber kauft, bekommt gleich noch eine Spionagewanze in Form eines RFID-Chips dazu", schreibt Patrick Beuth auf zeit.de. Ein handgemachter Aufreger also? Ein gut gemachtes Stück Journalismus?

FoeBud ist der "Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs"

Mitnichten. Beuth hat den WDR dabei beobachtet, wie der den FoeBud dabei beobachtet hat, wie der die Passanten mit einem RFID-Scanner beobachtet hat. Toll!
Seit Ewigkeiten setzt sich der FoeBud für Informationsfreiheit und Datenschutz ein. Padeluun ist da dabei und auch selbst ein Mitglied der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft. Experten kann man sie also getrost nennen. Datenschutz-Experten auf PR-Mission.
Denn Kleidungshersteller weben inzwischen gerne einmal Chips unter die Etiketten, um die Waren im Lager besser verfolgen zu können. Weil das einfach viel praktischer ist als per Strichcode. Der FoeBud echauffiert sich: Man sei identifizierbar! Jeder könnte durch die eindeutige Nummer in den Chips auch eindeutig gescannt werden. Man hört heraus: Wer diese Chips trägt, kann nie mehr anonym irgendwo hingehen.
RFID ist übrigens die Technik, die auch in den neuen Personalausweisen eingesetzt wird.
Leider hat das Beuth nicht geschrieben, leider hat er – journalistischer Standard hin oder her – keine Gegenpositionen eingeholt. Beuth hat ganz im Sinne des FoeBuds die Chips verteufelt und sich damit, ob bewusst oder unbewusst, in Perso-Fragen instrumentalisieren lassen.
Aber Hauptsache ist doch, dass er auf der richtigen Seite steht.
Wie es anders geht hat die Süddeutsche mit einem distanzierteren Bericht zum RFID-Chip gezeigt.
SOPA, PIPA: GIEK MA

Auch die Wikipedia, Google und Facebook haben gegen SOPA öffentlich protestiert

Ein anderes Beispiel: Markus Beckedahl und seine Digitale Gesellschaft. Zum "Blackout Day" haben sie eine Pressemitteilung herausgegeben, in der sie noch einmal erklären, wie gefährlich SOPA und PIPA auch für die deutsche Meinungsfreiheit sei. "Internetprovider sollen gezwungen werden, Inhalte proaktiv zu überwachen, Inhalte sollen gesperrt, Suchmaschinen-Treffer nicht mehr angezeigt und Verlinken strafbar werden."
So oder so ähnlich hat man das dann auch auf zahlreichen Nachrichtenportalen in Deutschland gelesen. Markus und das Netz wird's gefreut haben.
Was aber auch hier fehlte: Die Gegenposition. Denn es war die Schwammigkeit des Gesetzes, die in der extremsten Interpretation zu den Schlussfolgerungen der SOPA-Kritiker führen konnte.
Theoretisch.
Eine Debatte über Sinn und Unsinn, Analysen und Hintergründe habe ich nirgends in den deutschen Medien gefunden. Die Geschichte liest sich ja auch viel besser, wenn die bösen Rechteinhaber gegen alle vorgehen und das Netz, wie wir es kennen, zerstören. Schwarz und weiß.
Eigentlich ist das: fantastisch!
Als Netzmensch kann ich das alles nur uneingeschränkt gutheißen. Die Kritik an RFID und dem neuen Perso und die Bewegung und diese fantastische Energie, die der Protest gegen SOPA und PIPA ins Netz gebracht hat. Denn die Energie brauchen wir noch gegen ACTA.
Als Journalist hingehen fühle ich mich unwohl, dass sich die ganze Medienmaschinerie inzwischen durch Netzhypes imens beeinflussen lässt. Zu den Themengebieten Datenschutz und Freiheitsrechte scheinen inzwischen in den Medien nur noch die Meinungen zu gehören, die den großen Netzmenschen mit massigen Followerzahlen gehören. Dabei gibt es nämlich schon längst im Datenschutzbereich auch Gegenbewegungen.
Aus Angst vor Shitstorms sich nur zu trauen, die "Netzmeinung" wiederzugeben, kann aber nicht die Aufgabe des Netzjournalismus sein. Ich will mich auch weiterhin über journalistische Meinungen aufregen, die diametral zu meiner eigenen stehen, und möchte Hintergründe erfahren, die recherchiert und nicht aus Pressemitteilungen abgeschrieben worden sind. Auch zu Netzthemen.
In der aktuellen Folge der Geeks haben wir auch über RFID und SOPA gesprochen. Dieser Dreh ist mir allerdings erst nach der Diskussion eingefallen
Wie ist eure Meinung zu dem Thema? Hängt der Journalismus zu sehr an der Netznadel oder ist das vielmehr eine begrüßenswerte Entwicklung?

Internet-Kolumne (7): Der murmelnde Diskurs

Internet-Kolumne (7): Der murmelnde Diskurs

Eine Bekannte aus den Vereinigten Staaten hat mir von einem High-School-Projekt erzählt: In Geschichte sollten sie ein Video über die 70er Jahre erstellen. Und was liegt da näher, Songs von den Eagles, David Bowie oder The Clash zu nehmen, gespickt mit Filmschnipseln aus Der Pate oder Der Weiße Hai. Ein fantastisches Projekt! Sie wollte mir das Video in Deutschland zeigen. Ging aber nicht. "Leider ist dieses Video nicht verfügbar" meldete Youtube. Es enthielt Musik, an der die Gema die Verlagsrechte nicht eingeräumt hat. Blöd.
Das Urheberrecht war einmal ein Schutzrecht, das einem Schöpfer, einem Autoren, zugeordnet ist. Heutzutage ist es ein Relikt und muss reformiert werden.
Denn es geht an der Alltagswirklichkeit sehr vieler Netznutzer vorbei. Verstoße gegen das Urheberrecht passieren häufig: Da sieht man ein nettes Foto, lädt es bei Facebook hoch um es auch seinen Freunden zu zeigen, man erstellt Videos oder Webseiten für die Schule. Oder schreibt mit Zitaten ein Buch.
Helene Hegemann, Jungautorin des Bestsellers Axolotl Roadkill, hat sich bewiesenermaßen an Fremdtexten bedient. Und ihre Reaktion? Sie sei "für die Ablösung von diesem ganzen Urheberrechtsexzess". Denn: "Originalität gibt's sowieso nicht, nur Echtheit." Thomas Mann bezeichnete entlehnte Zitate als "höheres Abschreiben". Und Cervantes arbeitete eine Raub-Fortsetzung seines Don Quijote selbst in seinen nächsten Roman ein. Allerdings nennt man das in den letzten Fällen Literatur - und nicht Urheberrechtsverletzung.
In der Memkultur des Netzes gibt es keine Autoren mehr. Dort zählt nicht mehr, wer etwas geschaffen hat, sondern hauptsächlich der "murmelnde Diskurs". Dem französischen Philosophen Michel Foucault hätte es gefallen.
Aber, wenn alles frei verfügbar ist, alles wiederverwendet, umgemodelt oder sonst wie weiterverarbeitet wird - wie sollen die Urheber dann entlohnt werden? Nun ja. Es ist eben eine Krux mit diesem Urheberrecht.
© Göttinger Tageblatt

Internet-Kolumne (6): Das gepflegte Päuschen

Internet-Kolumne (6): Das gepflegte Päuschen

Meine Nachbarin Sarah ist internetsüchtig. Große Worte aus dem Munde eines Netzbewohners, ich weiß. Aber sie ist es. Und Sarah ist nicht mehr glücklich darüber. „Ich komme zu nichts mehr“, hat sie mir einmal abends gebeichtet. „Es ist zum Haareraufen“. Das es ihr so geht, war mir schon vorher klar. Das liegt nicht an meiner guten Menschenkenntnis, sondern daran, dass sie das eine halbe Stunde zuvor auf Facebook gepostet hat. Sarah postet nämlich alles. Sie schreibt, dass sie bald einkaufen muss, und was sie im Laden erlebt: „Die Kassiererin war so unfreundlich! Hat überhaupt nicht gelächelt. Gefällt mir GAR NICHT.“ Schlichtweg: Jede noch so uninteressante Kleinigkeit. Aus dem wortreichen Gespräch ist mir folgender Satz hängengeblieben: Sie komme nicht mehr von Facebook los, weil sie Angst habe „etwas zu verpassen“.
Facebook, der Zeit-Killer? Aufschieberitis nannte man es früher, Prokrastination heute. Die Gründe am Prokrastinieren liegen in der unbändigen Informationsflut, an der auch Sarah schuld ist. Überfordert das? Macht es uns gar dümmer? Mitnichten! Ich möchte hier eine Lanze brechen. Und zwar für das gepflegte Päuschen!
Wenn sich mein alter Freund Konstantin an seine Studienzeit zurückerinnert, dann sagt er: „Die Lernpausen waren das beste!“ Da konnte er versuchen, ich zitiere jetzt mal indirekt, Frauen von sich zu überzeugen. Und ganz unterbewusst habe sich der Lerninhalt gefestigt, behauptet er.
Mir geht es da ähnlich. Sich ein paar Augenblicke in das Informations-Tohuwabohu zu stürzen, zu gucken, was es bei den Freunden neues gibt, ist doch toll! Während diese Kolumne entstanden ist, habe ich übrigens einer Kollegin auf Facebook geantwortet, mir zwei Artikel bei Twitter markiert und vier E-Mails bekommen. Ach, und Sarah ist wieder einkaufen, schreibt sie. Es gibt Sauerkraut-Lasagne.
© Göttinger Tageblatt

Internet-Kolumne (5): Das soziale Netz geht nicht mehr weg

Internet-Kolumne (5): Das soziale Netz geht nicht mehr weg

Gehören sozialen Netzwerke zum öffentlichen Leben? Und wenn: Warum gibt es keine Telefonnummer, um bei Facebook anzurufen? Kolumnist Florian Heinz über Nutzungsbedingungen und Bürgerrechte.
Wenn ich über soziale Medien spreche, habe ich mir ein Zitat von Paul Adams zu eigen gemacht. Der Google-Mann hat im Juli vergangenen Jahres bei einem Vortrag gesagt: „Das soziale Netz geht nicht mehr weg.“ Wir haben es mit einer neuen Architektur zu tun. Nicht mehr Daten sind miteinander verlinkt, sondern digitale Identitäten und Daten.
Mails, Videos, Bilder, Dokumente – alles kann ich inzwischen mit der eigenen digitalen Identität verknüpfen. Das Problem: Geht der Dienst pleite oder wird man aus irgendwelchen Gründen ausgeschlossen, sind alle Daten: weg. So ging es einigen Nutzern beim sozialen Dienst Google+: Sieben Jahre Netzleben futsch. Und zwar wegen eines Verstoßes gegen die Nutzungsbedingungen.
Katja Kullmann hat ihre Probleme mit Facebook in einer Glosse in der FAS verarbeitet: Plötzlich war nämlich ihr Profil gesperrt. Ohne Vorwarnung.
Aber wen kann man bei solchen Problem ansprechen? Telefonnummern mit deutschen Ansprechpartnern findet man auf der Facebookseite vergeblich. Bei Google ist es ähnlich. Die Konzerne bleiben anonym. Aber erlauben können sie sich dieses Gebaren schon lange nicht mehr. Denn Hand aufs Herz: Inzwischen sind die Dienste doch für das öffentliche Leben notwendig. Sie gehören dazu. So wie auch ordentliche Straßen oder die Wasserversorgung dazu gehören. Sie ahnen worauf ich hinaus will? Genau: Das schreit nach einer staatlichen Intervention! Und einer Debatte, wie die Nutzungsbedingungen von Firmen im Lichte der Bürgerrechte zu sehen sind. Der Blogger Felix Schwenzel (@diplix) hat das auf Twitter schön zusammengefasst: „eigentlich lauten die fragen doch nicht internet vs. privatsphäre, appstore oder google vs. transparenz, sondern AGBs vs. bürgerrechte“. Und da müssen wir drüber reden. Denn: Das soziale Netz geht nicht mehr weg.
© Göttinger Tageblatt

BMI: Bloggen nur noch mit Ausweis?

BMI: Bloggen nur noch mit Ausweis?

Werde ich zu alt, um mich über politische Äußerungen noch aufzuregen? Oder einfach nur satt an den ewig-gleichen (Update, siehe Kommentar) Shitstürmen, die zwar heftig schäumen aber ebenso schnell wieder verebben? Wer es noch nicht mitbekommen hat: Bundesinnenminister Friedrich fordert Klarnamen in Blogs. Mehr dazu im Hyperland-Blog bei Udo Vetter.
"Das Problem steht nicht zur Debatte"
Bedeutet aber der Ruf nach Klarnamen in Blogs (ich verlinke noch einmal auf die Impressumspflicht) auch mehr Schutz vor dubiosen Abmahnungen? Wie ein Sprecher des Bundesministerium des Inneren (BMI) auf Nachfrage mitteilte: Mitnichten. "Das angesprochene Problem steht im Moment nicht zur Debatte". Aber gerade jetzt bestände die mediale Präsenz, die Kehrseite der Klarnamen aufzuarbeiten und zu durchhirnen. Schade, dass das nicht passiert.
Ausweisen nicht "ständig und überall"
Dafür betonte der Sprecher, dass "selbstverständlich weiterhin die Möglichkeiten" bestehen müsse "Pseudonyme zu verwenden". Schon auf dem Kirchentag in Dresden habe Friedrich betont, dass er keine gesetzliche Pflicht wolle, sich "ständig und überall" im Netz ausweisen zu müssen. Das "ständig und überall" stört mich in der Antwort ziemlich. Bloggen nur noch mit Ausweis? Hört sich für mich ein bisschen so an.
Und weiter: Anonyme Blogger "entziehen sich dadurch der demokratischen Streitkultur" und das sei feige. "Die Frage nach der Anonymität im Internet hat jedoch viele Facetten und lässt sich nicht mit einem klaren Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß beantworten", sagte der BMI-Sprecher.